Select your country

Not finding what you are looking for, select your country from our regional selector:

Suche

| Blog

Post-Quantum-Kryptografie oder Quantenkryptografie: was Unternehmen wirklich brauchen

Zwei Kolleg*innen tauschen sich in einer lichtdurchfluteten, begrünten Eingangshalle aus.

Mohammed Meziani
Senior Security Consultant

Lesezeit: ca. 18 Minuten

Zwei Begriffe klingen ähnlich und meinen Verschiedenes. Post-Quanten-Kryptografie (PQC) bezeichnet kryptografische Algorithmen, die auf konventioneller Hardware laufen und deren Sicherheitsannahmen auch gegenüber Angreifern mit leistungsfähigen Quantencomputern Bestand haben sollen. Quantenkryptografie ist ein physikalisches Verfahren, das spezielle Hardware wie Photonenquellen und Detektoren benötigt und über Glasfaser- oder Satellitenstrecken arbeitet; praktisch relevant ist davon die Quantenschlüsselverteilung (Quantum Key Distribution, QKD). Dieser Beitrag trennt die Begriffe, ordnet ein, warum Behörden in Europa hybride Verfahren empfehlen und wo daraus eine verbindliche Vorgabe wird, und benennt die Fälle, in denen QKD sinnvoll sein kann.

Der Beitrag richtet sich an CISOs und Sicherheitsarchitektinnen und -architekten, an Verantwortliche für Weitverkehrsnetze und Standortanbindungen, an Beschaffungsverantwortliche, die Angebote mit Bezeichnungen wie „quantensicheres Netz“ oder „quantum-safe network“ bewerten müssen, und an alle, die eine technische Empfehlung gegenüber der Geschäftsleitung begründen sollen. Sie erhalten eine belastbare Abgrenzung beider Ansätze, die Positionen von BSI und ANSSI, den Stand der hybriden Standards und eine nachvollziehbare Kostenbetrachtung.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die beiden Ansätze lösen unterschiedliche Probleme. Post-Quanten-Kryptografie ersetzt oder ergänzt gefährdete Algorithmen und lässt sich grundsätzlich in bestehende IT- und Netzinfrastrukturen integrieren. QKD etabliert Schlüsselmaterial für symmetrische Kryptografie über einen Quantenkanal und benötigt dafür dedizierte Infrastruktur, dazu einen authentisierten klassischen Kanal.
  • Vier europäische Behörden haben sich gemeinsam positioniert. ANSSI, BSI, die niederländische NLNCSA und die schwedischen Streitkräfte halten QKD wegen funktionaler und technologischer Einschränkungen derzeit nur in Nischenanwendungen für praktisch einsetzbar und aus Sicherheitssicht für noch nicht ausreichend ausgereift. Die Priorität für die allgemeine Migration liegt nach ihrer Einschätzung bei Post-Quanten-Kryptografie und je nach Anwendungsfall bei symmetrischen Schlüsselverfahren (Quellen: BSI, Quantenkryptografie; Positionspapier zu Quantum Key Distribution).
  • Hybride Schlüsseleinigung ist in Europa die empfohlene Übergangsstrategie. Das BSI empfiehlt sie für die Übergangsphase (Quelle: BSI, TR-02102-1). Die ANSSI beschreibt einen dreistufigen Übergang und betont die Notwendigkeit der Hybridisierung kurz- und mittelfristig ausdrücklich; eine optionale Nutzung reiner Post-Quanten-Verfahren erwartet sie erst in einer späteren Phase, wahrscheinlich nach 2030 (Quellen: ANSSI, Positionspapier 2022; ANSSI, Follow-up 2023). Eine allgemeine gesetzliche Hybridpflicht für Unternehmen folgt daraus nicht.
  • Für den hybriden TLS-Schlüsselaustausch liegen die Standards vor.RFC 9954 erschien im Juli 2026 als Informational RFC und beschreibt den Rahmen hybrider Schlüsselaustausche in TLS 1.3, RFC 10024 im August 2026 als Standards-Track-RFC mit den konkreten Verfahren. X25519MLKEM768 ist die einzige der drei dort standardisierten Gruppen, die im IANA-Register als „Recommended: Y“ markiert ist (Quelle: IANA, TLS Supported Groups). Zertifikate, Signaturen, PKI, SSH, IPsec und HSM-Schnittstellen deckt das nicht ab.
  • QKD hat eine Nische und eigene Infrastrukturkosten. Ein Quantenkanal, spezielle Komponenten und deren Betrieb kommen zusätzlich zur klassischen Absicherung hinzu. Im Feldversuch ParisRegionQCI bezifferte ein Orange-Forscher allein die QKD-Systeme für eine dedizierte Faserstrecke unter 100 Kilometer auf etwa 180.000 bis 250.000 Euro (Quelle: Mobile Europe, 20.06.2024). Faser, Verschlüsselung, Management, Redundanz und etwaige Trusted Nodes sind darin nicht enthalten.

Was unterscheidet Post-Quantum-Kryptografie von Quantenkryptografie?

Merkmal

Post-Quantum-Kryptografie

Quantenkryptografie (QKD)

Grundlage

mathematische Probleme, für die derzeit keine hinreichend effizienten klassischen oder Quantenalgorithmen bekannt sind

quantenmechanische Eigenschaften von Licht, übertragen über einen Quantenkanal

Hardware

konventionelle Server, Netzwerkgeräte und Chipkarten; je nach Stand sind neue Bibliotheken, Firmware, Betriebssysteme oder HSM-Unterstützung nötig

QKD-Module mit Quantenkanal, zusätzlich klassischer Kanal, Schlüsselmanagement und Authentisierung; dedizierte Glasfaser oder Freiraumstrecke

Reichweite

keine zusätzliche physikalische Reichweitenbegrenzung durch das Verfahren, nutzbar über bestehende Netze

begrenzt, praktisch einige zehn bis wenige hundert Kilometer, größere Strecken nur über vertrauenswürdige Zwischenknoten

Leistet

Schlüsselvereinbarung (KEM) und digitale Signaturen

liefert Schlüsselmaterial für symmetrische Kryptografie, verschlüsselt keine Nutzdaten und signiert nicht

Authentisierung

Signaturverfahren vorhanden; ein KEM allein authentisiert die Gegenstelle nicht, TLS braucht weiterhin Zertifikate und Signaturen

benötigt einen authentisierten klassischen Kanal, dessen Authentisierung klassisch oder post-quantensicher erfolgt

Standardisierung

FIPS 203, 204, 205 seit 13.08.2024; RFC 9954 und RFC 10024 in 2026

Zertifizierungsgrundlagen entstehen erst; ein erstes Common-Criteria-Schutzprofil für QKD-Module wurde 2024 zertifiziert, eine vollständige Produkt- oder Systemzertifizierung folgt daraus nicht

Kosten

Bibliotheks- und Protokollmigration, Zertifikate und PKI, HSM-Unterstützung, Tests und Betrieb

Hardware, dedizierte Strecke, Schlüsselmanagement und laufender Betrieb der Quanteninfrastruktur

 

Quellen: Federal Register, FIPS 203, 204 und 205; RFC 10024; BSI, Quantenkryptografie

Der entscheidende Punkt steht in der Zeile zur Authentisierung: QKD etabliert Schlüsselmaterial und signiert nichts. Der zugehörige klassische Kanal muss authentisiert sein, damit ein Angreifer sich nicht dazwischenschalten kann, und diese Authentisierung erfolgt mit klassischen oder Post-Quanten-Verfahren. QKD ersetzt Post-Quanten-Kryptografie also nicht, auch nicht in dem Bereich, für den es gebaut ist.

Hinzu kommt der Deckungsgrad. Von den beiden gefährdeten Bereichen, Schlüsselvereinbarung und Signatur, adressiert QKD nur den ersten. Die gesamte Signaturseite, also PKI, Codesignatur, Dokumentensignatur und Authentisierung, bleibt unberührt.

Wie funktioniert Quantum Key Distribution technisch?

Zwei Stationen übertragen quantenmechanische Zustände von Licht über einen Quantenkanal, im Protokoll BB84 etwa einzelne Photonen oder schwache kohärente Lichtpulse. Eine nicht passende Messung durch einen Angreifer verändert diese Zustände so, dass es sich statistisch als erhöhte Fehlerrate zeigt. Übersteigt die gemessene Fehlerrate einen Schwellwert, verwerfen beide Seiten das Material. Liegt sie darunter, folgen Fehlerkorrektur und Privacy Amplification; erst danach entsteht der gemeinsame symmetrische Schlüssel, der anschließend ein klassisches Verfahren wie AES speist.

Die Sicherheitsaussage ist stark, aber an Annahmen gebunden. Moderne Sicherheitsanalysen können bestimmte Geräteimperfektionen berücksichtigen; der Beweis gilt jedoch nur unter den zugrunde gelegten Modellannahmen und für eine korrekt implementierte Gegenmaßnahme. Damit liegt die eigentliche Frage bei der Implementierungssicherheit: Ein wesentlicher Teil der praktischen Angriffe richtet sich gegen Implementierungsdetails der QKD-Hardware, etwa Detektoren, Back-Flash-Effekte oder den lokalen Oszillator (Quelle: ETSI, White Paper zur QKD-Implementierungssicherheit). Das BSI verweist auf eine erhebliche Zahl veröffentlichter Angriffe, die Schwächen der Hardware von QKD-Systemen ausnutzen (Quelle: BSI, Quantenkryptografie).

Praktisch begrenzt die Dämpfung der Faser die Reichweite. Längere Strecken benötigen vertrauenswürdige Zwischenknoten, die Schlüsselmaterial über mehrere QKD-Abschnitte hinweg vermitteln und dabei selbst Zugriff darauf erhalten. Damit verlagert sich das Vertrauen auf diese Knoten, und die ursprüngliche Sicherheitsaussage gilt nur noch abschnittsweise.

Warum raten europäische Behörden von QKD als Allzwecklösung ab?

Ende Januar 2024 haben BSI, ANSSI, das niederländische NLNCSA und die schwedischen Streitkräfte ein gemeinsames Positionspapier zu Quantum Key Distribution veröffentlicht (Quelle: BSI, Position Paper on Quantum Key Distribution). Die Behörden raten darin nicht grundsätzlich von QKD ab, sondern von der breiten Verwendung als allgemeine Lösung für die Migration; weitere Forschung halten sie ausdrücklich für sinnvoll. Das BSI gibt die Schlussfolgerungen auf seiner Themenseite so wieder:

„QKD can however currently only be used in practice in some niche use cases.“ „Furthermore, QKD is not yet sufficiently mature from a security perspective.“ „The clear priorities should therefore be the migration to post-quantum cryptography and/or the adoption of symmetric keying.“ Quelle: ANSSI, BSI, NLNCSA und Swedish Armed Forces,Position Paper on Quantum Key Distribution

Die tschechische Behörde NÚKIB hat sich dem Papier im September 2024 mit einer Unterstützungserklärung angeschlossen und übernimmt dieselbe differenzierte Position (Quelle: NÚKIB, Letter of Support). Für die Beschaffung heißt das: Wer in Deutschland ein Angebot für ein QKD-System bewertet, sollte zwei Fragen stellen. Welche zusätzliche Sicherheitsgarantie liefert QKD gegenüber einer Lösung mit post-quantensicherer beziehungsweise hybrider Schlüsselvereinbarung? Und welche zusätzlichen Annahmen, Infrastrukturen und Betriebsrisiken entstehen dafür?

Was genau ist ein hybrides Verfahren?

Ein hybrides Verfahren führt zwei unabhängige Schlüsselvereinbarungen parallel durch, eine klassische und eine post-quantensichere, und leitet den Sitzungsschlüssel aus beiden Ergebnissen ab. Bei einer geeignet konstruierten Hybridisierung bleibt die Sicherheit des abgeleiteten Schlüssels erhalten, solange mindestens eines der beiden Komponentenverfahren sicher ist. Das ist eine kryptografische Konstruktion mit eigenen Annahmen und kein doppeltes Verschlüsseln.

Der Sinn liegt in der Absicherung gegen zwei entgegengesetzte Risiken. Das klassische Verfahren hat eine lange kryptanalytische Historie und ist gegenüber bekannten klassischen Angriffen gut untersucht, bleibt aber gegenüber einem hinreichend leistungsfähigen Quantencomputer verwundbar, soweit es auf Faktorisierung oder diskreten Logarithmen beruht. Das Post-Quanten-Verfahren ist gegen Quantenangriffe ausgelegt: ML-KEM beruht auf Module-LWE, einem intensiv untersuchten Gitterproblem, dessen kryptanalytische Historie aber deutlich kürzer ist als die der klassischen Annahmen hinter RSA und elliptischer Kryptografie.

Für hashbasierte Signaturen ist eine Hybridisierung nach der ANSSI-Empfehlung optional. SLH-DSA, LMS und XMSS beruhen auf Hashfunktionen, deren Sicherheitsannahmen gut verstanden sind (Quelle: ANSSI, Follow-up 2023).

Welche hybriden Standards sind heute einsetzbar?

Standard

Datum

Inhalt

RFC 9370

Mai 2023

Mehrere Schlüsselaustausche in IKEv2, Grundlage für hybride IPsec-Tunnel (Quelle: RFC 9370)

RFC 9794

Juni 2025

Terminologie für hybride Post-Quanten- und klassische Verfahren, Informational; standardisiert keine konkrete Konstruktion, unterscheidet aber zwischen zusammengesetzten Verfahren, Kombinierern und weiteren Hybridformen (Quelle: RFC 9794)

RFC 9954

Juli 2026

Hybrid Key Exchange in TLS 1.3, Informational; beschreibt den Rahmen für hybride Schlüsselaustausche (Quelle: RFC 9954)

RFC 10024

August 2026

Standards Track; definiert die drei hybriden Schlüsselvereinbarungen für TLS 1.3 (Quelle: RFC 10024)

 

RFC 10024 definiert drei Codepoints: X25519MLKEM768 mit 4588 (0x11EC), im IANA-Register als „Recommended: Y“ markiert, sowie SecP256r1MLKEM768 mit 4587 und SecP384r1MLKEM1024 mit 4589, beide dort nicht als empfohlen markiert (Quelle: IANA, TLS Supported Groups). Für allgemeine TLS-1.3-Einsätze ist X25519MLKEM768 derzeit die naheliegende Standardwahl. Konkrete Vorgaben können je nach Sicherheitsprofil, FIPS- oder CNSA-2.0-Anforderungen und regulatorischem Umfeld abweichen; für CNSA-2.0-regulierte Umgebungen ist insbesondere ML-KEM-1024 relevant.

Bemerkenswert an dieser Tabelle ist der Abstand zwischen Einsatz und Standardisierung. Was seit 2024 in Browsern läuft, war zunächst ein Einsatz vor der Standardisierung: Google verwendete eine Entwurfsfassung mit Kyber, Chrome wechselte mit Version 131 auf die finale ML-KEM-Variante, und beide Fassungen sind nicht miteinander kompatibel (Quelle: Google Security Blog). Zum Standard wurde das Verfahren erst im Sommer 2026. Wer eine Beschaffungsunterlage oder eine Architekturrichtlinie aus 2025 verwendet, findet dort noch Entwurfsbezeichnungen.

Verfügbar ist das Verfahren an folgenden Stellen: in Chrome seit Version 131 vom 12. November 2024 (Quelle: Google Security Blog), in Firefox auf dem Desktop seit Version 132 vom 29. Oktober 2024 und für HTTP/3 seit Version 135 (Quellen: Firefox 132; Firefox 135), auf Apple-Plattformen seit iOS, iPadOS und macOS 26 (Quelle: Apple Support), in OpenSSL seit Version 3.5.0 vom 8. April 2025 (Quelle: OpenSSL 3.5), in Go ab 1.24 (Quelle: Go 1.24), in Java ab JDK 27 vom September 2026 (Quellen: JEP 527; inside.java) und in Node.js ab v24.5.0 über das mitgelieferte OpenSSL 3.5 (Quelle: Node.js v24.5.0). OpenSSH nutzt das entsprechende SSH-Verfahren mlkem768x25519-sha256 seit Version 9.9 und als Standard seit Version 10.0 vom 9. April 2025 (Quellen: OpenSSH 9.9; OpenSSH 10.0). Verfügbar bedeutet dabei nicht, dass das Verfahren in einer konkreten Verbindung auch ausgehandelt wird: Konfiguration, Gegenstelle, FIPS-Modus, Sicherheitsrichtlinien und Zwischensysteme beeinflussen das Ergebnis.

Der Effekt ist messbar, allerdings an zwei verschiedenen Messgrößen. Der Anteil des post-quanten-verschlüsselten, menschlich erzeugten Datenverkehrs bei Cloudflare stieg von 29 Prozent Anfang 2025 auf 52 Prozent Anfang Dezember 2025 (Quelle: Cloudflare, Radar 2025 Year in Review) und lag im April 2026 bei über 65 Prozent (Quelle: Cloudflare, Post-Quantum Roadmap). Davon getrennt zu lesen ist die Serverseite: Im Februar 2026 unterstützten rund 10 Prozent der Origin-Server einen Post-Quanten-Schlüsselaustausch (Quelle: Cloudflare Blog, 27.02.2026), im September 2026 waren es über 12 Prozent (Quelle: Cloudflare, Automatic key exchange for origins, 08.09.2026). Clientverkehr und Serverunterstützung messen Verschiedenes und lassen sich nicht gegeneinander verrechnen.

Wann ist Hybrid vorgegeben und wann eine Architekturentscheidung?

Drei Kategorien sind zu unterscheiden: eine verbindliche Vorgabe aus einer Regulierung, einem Vertrag oder einem Sicherheitsprofil, eine technische Empfehlung einer Behörde und eine freiwillige Architekturentscheidung. Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Quellen diesen Kategorien zu.

 

Stelle

Aussage und Verbindlichkeit

Ausnahme

BSI TR-02102-1, Version 2026-01

hybride Schlüsseleinigung für die Übergangsphase empfohlen; technische Empfehlung, keine gesetzliche Pflicht (Quelle: BSI, TR-02102-1)

keine

ANSSI, Positionspapier und Nachtrag vom 21.12.2023

dreistufiger Übergang: Hybridisierung zunächst als zusätzliche Schutzschicht, dann zur Erreichung der Post-Quanten-Sicherheit ohne Verlust der klassischen Sicherheit, später wahrscheinlich optionale Nutzung reiner Post-Quanten-Verfahren. Die ANSSI betont die Notwendigkeit kurz- und mittelfristig ausdrücklich; eine allgemeine Rechtspflicht für Unternehmen ist damit nicht verbunden (Quellen: ANSSI, Positionspapier 2022; ANSSI, Follow-up 2023)

hashbasierte Signaturen (XMSS, LMS, SLH-DSA): Hybridisierung optional

Europäische Kommission, Empfehlung (EU) 2024/1101

Empfehlung an die Mitgliedstaaten, PQC in öffentlichen Verwaltungen und kritischen Infrastrukturen über hybride Systeme einzuführen, kombiniert mit bestehenden kryptografischen Ansätzen oder QKD, Erwägungsgrund 6; Empfehlung, keine unmittelbare Pflicht für Unternehmen (Quelle: Empfehlung (EU) 2024/1101)

keine

NIST

schreibt keine allgemeine Hybridpflicht vor; SP 800-227 vom 18.09.2025 behandelt die Nutzung von KEMs einschließlich hybrider Kombinationen (Quelle: NIST SP 800-227)

keine

NSA, CNSA 2.0

eigenes Algorithmen- und Sicherheitsprofil für National Security Systems mit ML-KEM-1024 und ML-DSA-87; verfolgt nicht dieselbe hybride Übergangsstrategie wie die europäischen Behörden (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ)

für IKEv2 sind mehrere Schlüsselvereinbarungen vorgesehen, mit eigenen Festlegungen der NSA

 

Daraus ergibt sich der häufigste Konflikt in internationalen Konzernen: Die europäischen Behörden empfehlen die Hybridisierung nachdrücklich, CNSA 2.0 definiert dagegen ein eigenes Profil für National Security Systems und setzt auf festgelegte Parameterstufen ohne zusätzliche klassische Komponente (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Eine gemeinsame Konfiguration für beide Räume gibt es deshalb nicht: X25519MLKEM768 erfüllt CNSA 2.0 nicht, weil dort ML-KEM-1024 verlangt wird. Für Systeme, die unter CNSA 2.0 beziehungsweise entsprechende Anforderungen an National Security Systems fallen, ist ein separates konformes Profil erforderlich; allein US-Kunden zu haben, begründet das nicht. Für viele europäische Enterprise-Szenarien ist die hybride Schlüsselvereinbarung derzeit die naheliegende Übergangsstrategie.

„ANSSI still strongly emphasizes the necessity of hybridation wherever post-quantum mitigation is needed both in the short and medium term.“ Quelle: ANSSI,Follow up position paper on post-quantum cryptography, 21.12.2023

Der zusätzliche Rechenaufwand für ML-KEM-768 neben X25519 ist bei modernen TLS-Implementierungen häufig überschaubar. Die wesentlichen Betriebsrisiken liegen woanders: Der zusätzliche Schlüsselanteil von rund 1,2 Kilobyte vergrößert den ClientHello so weit, dass er bei typischen Konfigurationen mehrere TCP-Segmente benötigen kann (Quelle: Cloudflare, Post-quantum to origins). Aufwand entsteht deshalb bei der Bestandsaufnahme und bei Zwischensystemen, die aufgeteilte ClientHellos nicht verarbeiten (Quelle: tldr.fail), dazu bei Tests, Interoperabilität und veralteten Netzwerkkomponenten.

Wo hat Quantenkryptografie trotzdem einen Platz?

In klar abgegrenzten Fällen. Dafür sprechen eine begrenzte Distanz, kontrollierbare Endpunkte und Übertragungswege, sehr hohe Schutzanforderungen über lange Zeiträume und die Bereitschaft, dedizierte Infrastruktur zu betreiben. Als mögliche Einsatzfelder gelten Verbindungen zwischen Rechenzentren eines Finanzinstituts innerhalb einer Metropolregion und staatliche Kommunikationsstrecken, wie sie auch EuroQCI und FranceQCI adressieren. In größeren Netzen ist QKD ebenfalls einsetzbar, dann aber mit zusätzlichen Komponenten wie vertrauenswürdigen Zwischenknoten. Die Praxis zeigt, dass sich der Aufwand rechnen muss. Ein Orange-Forscher hat ihn in einem Feldversuch beziffert.

„To secure a link of less than 100km on a dedicated fibre, it takes approximately €180 to €250k just for a QKD system and the financial equation quickly becomes insoluble.“ Quelle: Thomas Rivera, Orange,Bericht zum Feldversuch ParisRegionQCI, Juni 2024. Die Angabe gilt für die QKD-Systeme einer Strecke unter 100 Kilometer auf dedizierter Faser; Faser, Verschlüsselung, Management, Betrieb, Redundanz und Trusted Nodes kommen hinzu.

Orange hat den Ansatz in kombinierter Form weiterverfolgt. Im Juni 2024 wurde im Projekt ParisRegionQCI eine rund 80 Kilometer lange Strecke über bereits verlegte Glasfasern von Orange France betrieben, teils in Betrieb, teils unbeschaltet, mit QKD-Systemen und Relais, die mit Post-Quanten-Kryptografie gesichert waren (Quellen: Mobile Europe, 20.06.2024; ID Quantique). Orange koordiniert außerdem als einziger Telekommunikationsbetreiber im Konsortium das Projekt FranceQCI, den französischen Beitrag zur europäischen EuroQCI-Initiative (Quelle: Orange Newsroom, FranceQCI).

Aus dieser Arbeit ist ein kommerzielles Angebot entstanden. Orange Business hat am 11. Juni 2025 zusammen mit Toshiba Europe den Dienst Orange Quantum Defender gestartet, der QKD und PQC in einer hybriden Architektur kombiniert und über bestehende Glasfaser gelegt wird (Quelle: Orange Business, Pressemitteilung vom 11.06.2025). Am 10. Februar 2026 kündigte Orange Business PQC-gesicherte WAN-Dienste auf Basis der Cisco 8000 Series Secure Router an (Quelle: Orange Business, Pressemitteilung vom 10.02.2026).

„This is a significant step in the Orange multi-layer quantum-safe networking strategy, as we help our enterprise customers respond to the growing and evolving security threats from quantum computing.“ Quelle: Aliette Mousnier-Lompré, CEO Orange Business, Pressemitteilung, 11.06.2025

Auch ein QKD-Einsatz sollte in eine übergeordnete Strategie für quantensichere Kommunikation eingebettet sein. Krypto-Agilität und eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Kryptoinfrastruktur sind dabei die breiter nutzbaren ersten Schritte; Orange führt beides als Bestandteile des Ansatzes hinter Quantum Defender auf (Quelle: Orange Business, Orange Quantum Defender).

Fazit: Erst PQC, dann die Frage nach QKD

Für praktisch jede Organisation ist Post-Quanten-Kryptografie die Antwort und QKD eine Zusatzfrage für einzelne Strecken. Der Grund ist die Abdeckung: PQC umfasst Verfahren für die Schlüsselvereinbarung und für Signaturen und ist damit überall einsetzbar, wo Kryptografie heute verwendet wird. QKD erzeugt Schlüsselmaterial für symmetrische Kryptografie auf einer Strecke und ersetzt weder digitale Signaturen noch die Authentisierung von Kommunikationspartnern.

Eine wichtige europäische Besonderheit ist die nachdrückliche Empfehlung zur Hybridisierung. Sie adressiert ein reales Restrisiko: Die Erfahrung mit der langfristigen kryptanalytischen und Implementierungssicherheit der Gitterverfahren ist deutlich kürzer als bei den etablierten klassischen Verfahren, und die klassische Komponente erhält die bisherige Sicherheitsbasis. Der Rechenaufwand ist dabei meist überschaubar, die Gesamtaufwände können durch größere Nachrichten, Zwischensysteme, Altsysteme, Tests und Überwachung aber erheblich sein. Für Systeme im Anwendungsbereich von CNSA 2.0 gilt ein eigenes Profil mit ML-KEM-1024; das ist eine separate Architektur- und Nachweisvorgabe, kein zweiter europäischer Weg.

Wie können die nächsten Schritte aussehen?

  1. Hybride Schlüsselvereinbarung als Standard festlegen. Verankern Sie in der Krypto-Richtlinie, dass die Post-Quanten-Schlüsselvereinbarung hybrid erfolgt, mit begründeten Ausnahmen. Damit folgen Sie der BSI-Empfehlung (Quelle: BSI, TR-02102-1). Für Systeme im Anwendungsbereich von CNSA 2.0 braucht es ein eigenes Profil mit ML-KEM-1024 (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Bei Signaturen ist Hybridisierung kein universelles Muster: Die Empfehlung betrifft vor allem die Schlüsselvereinbarung.
  2. X25519MLKEM768 konfigurieren. Von den drei in RFC 10024 standardisierten Gruppen ist sie die einzige, die im IANA-Register als empfohlen markiert ist, und in den gängigen aktuellen Bibliotheken verfügbar (Quellen: IANA, TLS Supported Groups; OpenSSL 3.5). Eine universelle Konfigurationspflicht folgt daraus nicht; prüfen Sie Ihr Sicherheitsprofil.
  3. QKD-Angebote am Anwendungsfall messen. Verlangen Sie eine Begründung, welche Sicherheitsanforderung QKD erfüllt, die sich mit Post-Quanten-Kryptografie allein oder in Kombination mit geeigneten symmetrischen Verfahren nicht wirtschaftlicher erfüllen lässt. Lassen Sie Gesamtbetriebskosten, Reichweite, Redundanz, vertrauenswürdige Zwischenknoten, Hardwareabhängigkeiten und Verfügbarkeit ausweisen.
  4. Die Authentisierung mitdenken. Eine QKD-Architektur benötigt einen authentisierten klassischen Kanal. Für langfristige Quantensicherheit muss dessen Authentisierung ebenfalls gegen Quantenangriffe ausgelegt sein, etwa über Post-Quanten-Signaturen oder geeignete symmetrische Mechanismen. In der Praxis führt ein QKD-Projekt deshalb meist auch zu Post-Quanten-Kryptografie.
  5. Serverseite prüfen. Im Browserverkehr wird der hybride Schlüsselaustausch überwiegend ausgehandelt, auf der Serverseite unterstützt ihn erst eine Minderheit der Origin-Server: über 65 Prozent des menschlich erzeugten Datenverkehrs im April 2026 gegenüber über 12 Prozent der Origin-Server im September 2026 (Quellen: Cloudflare, Post-Quantum Roadmap; Cloudflare Blog, 27.02.2026; Cloudflare, Automatic key exchange for origins, 08.09.2026). Der Nachholbedarf liegt damit in Ihrem Rechenzentrum, nicht bei Ihren Nutzerinnen und Nutzern.

 

Weitere Informationen dazu finden Sie in den Artikeln Umsetzung der NIST-PQC-Standards in Unternehmensnetzwerken, Risikobewertung des Quantencomputer-Risikos und Migrationsplanung und Quantum Computing und Post-Quantum Security im Überblick.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Quantenkryptografie und hybriden Verfahren

Wie belastbar ist die Abhörsicherheit von QKD?

Die Sicherheitsbeweise begrenzen die Möglichkeit eines unbemerkten Abhörangriffs, allerdings nur unter den Annahmen des jeweiligen Protokolls und Gerätemodells. Die entscheidende Lücke in der Praxis liegt zwischen dieser Analyse und realen Implementierungen: Software-Schwachstellen, Seitenkanäle, elektromagnetische Informationsabflüsse und Angriffe auf Detektoren sind dokumentiert (Quellen: ETSI, White Paper zur QKD-Implementierungssicherheit; ANSSI, Einschätzung zu QKD). Darauf stützt sich die Einschätzung der Behörden, QKD sei aus Sicherheitssicht noch nicht ausreichend ausgereift und derzeit für Nischenanwendungen geeignet (Quelle: Position Paper on Quantum Key Distribution).

Kann QKD unsere PKI ersetzen?

Nein. QKD etabliert gemeinsames Schlüsselmaterial, das anschließend für symmetrische Verschlüsselung genutzt wird, und leistet keine digitalen Signaturen. Eine PKI ist ohnehin keine reine Schlüsselverteilung, sondern eine Infrastruktur für Identitäten, Zertifikate, Vertrauensketten und Authentisierung; diese Aufgaben bleiben bei klassischen oder Post-Quanten-Verfahren. Eine QKD-Installation kann umgekehrt selbst zertifikatsbasierte Authentisierung benötigen.

Kostet hybrider Schlüsselaustausch spürbar Leistung?

Zu unterscheiden sind zwei Anteile. Der Rechenaufwand des hybriden Schlüsselaustauschs ist in modernen TLS-Implementierungen meist beherrschbar, aber nicht null; messbar wirkt vor allem die zusätzliche Nutzlast. Der ClientHello wächst um rund 1,2 Kilobyte und benötigt dann häufig mehrere TCP-Segmente; ältere Zwischensysteme können daran scheitern (Quellen: Cloudflare, Post-quantum to origins; tldr.fail). Deutlich stärker wirkt der Authentisierungsanteil: Post-Quanten-Zertifikatsketten überschreiten die Obergrenze des TCP Initial Window nach RFC 6928 (Quelle: RFC 6928).

Warum verlangt die NSA keine hybriden Verfahren, das BSI aber schon?

Beide Behörden verfolgen unterschiedliche Ziele. Die NSA legt für National Security Systems ein eigenes Profil mit ML-KEM-1024 und ML-DSA-87 fest und betrachtet die ausgewählten Algorithmen als ausreichend vertrauenswürdig, sodass eine zusätzliche klassische Komponente aus Sicherheitsgründen nicht vorgeschrieben wird; hybride Implementierungen bedeuten für sie zusätzliche Komplexität und Interoperabilitätsrisiken (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). BSI und ANSSI verfolgen eine Übergangsstrategie mit Schutz in der Tiefe: Die klassische Komponente erhält die etablierte Sicherheitsbasis, die Post-Quanten-Komponente ergänzt den Schutz gegen Quantenangriffe (Quellen: BSI, TR-02102-1; ANSSI, Follow-up 2023). Beide Positionen sind innerhalb ihres jeweiligen Rahmens konsistent: Die NSA optimiert ein definiertes Profil auf algorithmische Sicherheit und beherrschbare Implementierung, BSI und ANSSI planen einen Übergang ohne Rückschritt bei der klassischen Sicherheit.

Wie lange bleibt Hybridisierung empfohlen?

Die ANSSI erwartet eine Phase, in der reine Post-Quanten-Verfahren vertretbar werden, „probablement après 2030“. Das ist eine erwartete früheste Phase und kein Stichtag; im Follow-up von 2023 betont die ANSSI die Notwendigkeit der Hybridisierung kurz- und mittelfristig weiter und empfiehlt sie besonders für Produkte mit Schutzbedarf über 2030 hinaus (Quellen: ANSSI, Positionspapier 2022; ANSSI, Follow-up 2023).

Was ist mit Post-Quantum-VPN zwischen Standorten?

Für selbst kontrollierte Standortverbindungen ist das ein naheliegender Einstieg. RFC 9370 erlaubt seit Mai 2023 mehrere Schlüsselvereinbarungen in IKEv2, klassische und post-quantensichere; für einen hybriden Tunnel wird typischerweise ein klassisches Verfahren mit einem Post-Quanten-Verfahren kombiniert (Quelle: RFC 9370). Auch die NSA sieht für IKEv2 mehrere Schlüsselvereinbarungen vor, mit eigenen Festlegungen (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Liegen beide Endpunkte in Ihrer Hand, entfällt für den Schlüsselaustausch die Abhängigkeit von öffentlichen Zertifikatsprogrammen; bei Managed VPNs und Partnerverbindungen bestehen weiterhin Abhängigkeiten. Die Authentisierung der Gegenstellen bleibt in jedem Fall erforderlich, etwa über eine interne PKI oder vorverteilte Schlüssel.

Mohammed Meziani

Senior Security Consultant
Orange Cyberdefense

Über den Autor

Mohammed Meziani ist seit sieben Jahren bei Orange Cyberdefense tätig und als Senior-Berater für IT-Sicherheit auf Post-Quanten-Kryptografie (PQC) und Public Key Infrastructure (PKI) spezialisiert. Er promovierte im Bereich Post-Quanten-Kryptografie an der TU Darmstadt und verbindet fundierte wissenschaftliche Expertise mit über 15 Jahren Berufserfahrung. Sein Schwerpunkt liegt auf der Bewertung und Weiterentwicklung kryptografischer Sicherheitsarchitekturen, der Integration quantensicherer kryptografischer Verfahren und der zukunftssicheren Gestaltung von PKI-Infrastrukturen. Er unterstützt Unternehmen dabei, ihre kryptografischen Systeme auf die Herausforderungen des Quantencomputings vorzubereiten und den Übergang zu quantensicheren Lösungen strategisch zu gestalten. Darüber hinaus verfügt er über umfassende Projekterfahrung in der Banken-, Versicherungs- und Automobilindustrie.

24/7 Incident Hotline