
Mohammed Meziani
Senior Security Consultant
Lesezeit: ca. 22 Minuten
Seit dem 13. August 2024 gibt es drei erste finale NIST-PQC-Standards (Quelle: Federal Register, Announcing Issuance of FIPS 203, FIPS 204 and FIPS 205). Zwei Jahre später ist der hybride Schlüsselaustausch in den wichtigen Browsern und TLS-Stacks breit implementiert und überwiegend standardmäßig aktiviert. Bei den Signaturen sind die Algorithmen ebenfalls standardisiert, einschließlich der Verwendung von ML-DSA in X.509-Zertifikaten und Sperrlisten seit Oktober 2025 (Quelle: RFC 9881); was fehlt, ist die breite interoperable Nutzung in der öffentlich vertrauenswürdigen Web-PKI. Dieser Beitrag ordnet den Umsetzungsstand nach Protokollschichten, benennt die technischen Nebenwirkungen mit Zahlen und beschreibt eine Reihenfolge, die ohne Betriebsstörungen auskommt.
Der Beitrag richtet sich an Netzwerk- und Plattformarchitektinnen und -architekten, an PKI-Verantwortliche, an Betriebsverantwortliche für Firewall, Load Balancer und VPN sowie an CISOs, die einen technischen Rollout freigeben müssen. Sie erhalten eine geprüfte Übersicht der Standards mit Datum und Status, konkrete Größen- und Leistungsangaben, eine Analyse der bekannten Bruchstellen in bestehender Infrastruktur und eine Umsetzungsreihenfolge in Wellen.
Die Parametersätze sind in der Praxis wichtiger als die Standardnummern, weil sie den Einsatzkontext bestimmen. ML-KEM-768 ist der NIST-Sicherheitskategorie 3 zugeordnet und der naheliegende Ausgangspunkt für den allgemeinen Unternehmenseinsatz (Quelle: NIST, FIPS 203). RFC 10024 standardisiert X25519MLKEM768 als hybride TLS-1.3-Gruppe; sie kombiniert das weit verbreitete X25519 mit ML-KEM-768 (Quelle: RFC 10024), und nur diese Post-Quantum-Gruppe führt das IANA-Register als empfohlen (Quelle: IANA, TLS Supported Groups). Dass die Gruppe im Web auch tatsächlich zum Einsatz kommt, zeigen die Standardeinstellungen aktueller Browser (Quellen: Google Security Blog; Firefox 132; Apple Support). ML-KEM-1024 und ML-DSA-87 gehören in Umgebungen mit höherem Schutzbedarf und sind verbindlich, wo CNSA 2.0 gilt, also im Umfeld US-amerikanischer National Security Systems (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Das BSI empfiehlt ML-KEM-768 und ML-KEM-1024, bei Signaturen ML-DSA-65 und ML-DSA-87, jeweils in der „hedged“-Variante (Quelle: BSI, TR-02102-1, Version 2026-01, Tabellen 2.7 und 5.7). SLH-DSA ist die konservative Rückfalloption mit großen Signaturen, gedacht für Fälle, in denen die Gitterannahme vermieden werden soll (Quelle: NIST, FIPS 205). Für Firmware- und Softwaresignaturen kommen LMS und XMSS nach SP 800-208 infrage, zustandsbehaftete hashbasierte Signaturen, die ein sorgfältiges State Management verlangen und deshalb nicht für den allgemeinen Einsatz gedacht sind (Quelle: NIST, SP 800-208).
Standard | Algorithmus | Zweck | Stand Oktober 2026 |
FIPS 203 | ML-KEM (aus CRYSTALS-Kyber) | Schlüsseleinigung | final seit 13.08.2024, Errata-Hinweis vom 17.11.2025 (Quelle: NIST, FIPS 203) |
FIPS 204 | ML-DSA (aus CRYSTALS-Dilithium) | digitale Signatur, Primärverfahren | final seit 13.08.2024, Errata-Hinweis vom 31.07.2026 (Quelle: NIST, FIPS 204) |
FIPS 205 | SLH-DSA (aus SPHINCS+) | hashbasierte Signatur, konservative Rückfalloption | final seit 13.08.2024 (Quelle: NIST, FIPS 205) |
FIPS 206 | FN-DSA (aus FALCON) | kompakte Signatur | in Entwicklung, kein Entwurf veröffentlicht; NIST führt FALCON als Algorithmus für FIPS 206, Status „in development“ (Quellen: NIST, PQC-Standardisierungsprozess, Stand 05.08.2026; NIST, Post-Quantum Cryptography News) |
noch ohne Nummer | HQC | zweiter KEM auf anderer mathematischer Grundlage | ausgewählt mit dem Statusbericht zur vierten Runde vom 11.03.2025, Standard in Entwicklung, kein Entwurf veröffentlicht (Quellen: NIST IR 8545; NIST, Auswahl von HQC) |
SP 800-208 | LMS und XMSS | Firmware- und Softwaresignatur | final seit 29.10.2020; zustandsbehaftete hashbasierte Signaturen (stateful hash-based signatures), sorgfältiges State Management nötig, deshalb nicht für den allgemeinen Einsatz gedacht (Quelle: NIST, SP 800-208) |
Bereich | Stand Oktober 2026 | Was Sie heute tun können |
TLS zwischen Browser und Webserver | Chrome seit Version 131 (12.11.2024), Firefox Desktop seit 132 (29.10.2024), Firefox für Android seit 145 (11.11.2025), Apple-Plattformen seit iOS, iPadOS und macOS 26 (Quellen: Google Security Blog; Firefox 132; Firefox für Android 145; Apple Support) | Hybriden Schlüsselaustausch serverseitig unterstützen, bevorzugen und anhand der tatsächlich ausgehandelten TLS-Gruppe verifizieren |
TLS zwischen Servern | OpenSSL 3.5.0 (08.04.2025) mit ML-KEM, ML-DSA, SLH-DSA; OpenSSL 4.0.0 seit 14.04.2026 (Quellen: OpenSSL 3.5 Release Notes; OpenSSL 4.0 Final Release) | TLS-Stack auf PQC-fähige Version aktualisieren, unterstützte Gruppen prüfen und tatsächlich ausgehandelte Key-Exchange-Gruppen überwachen |
SSH | Hybrider Post-Quantum-Schlüsselaustausch (sntrup761x25519) seit OpenSSH 9.0 Standard; OpenSSH 10.0 (09.04.2025) nutzt mlkem768x25519-sha256 als Standard; ab 10.1 warnt der ssh-Client bei klassischem Schlüsselaustausch (Quellen: OpenSSH 9.0; OpenSSH 10.0; OpenSSH 10.1) | Version heben, klassisch verhandelnde Gegenstellen erfassen |
IPsec und VPN | RFC 9370 (Mai 2023) erlaubt mehrere Schlüsselaustausche in IKEv2 (Quelle: RFC 9370) | Herstellerunterstützung prüfen, Hybridmodus aktivieren und anhand der tatsächlich ausgehandelten Gruppe verifizieren |
Interne PKI | ML-DSA in privaten CAs verfügbar, etwa bei AWS Private CA seit 10.11.2025 (Quelle: AWS, Private CA) | Private PQC-Test-PKI aufbauen, Trust-Store-Kompatibilität prüfen und hybriden bzw. parallelen Signaturpfad für betroffene Anwendungen planen |
Öffentliche TLS-Zertifikate | Für öffentlich vertrauenswürdige TLS-Serverzertifikate war SC-106 zur Zulassung von ML-DSA im September 2026 noch nicht verabschiedet; auch bis Oktober 2026 ist kein Beschluss ergangen (Quellen: CA/Browser Forum, Ballots der Server Certificate Working Group; Protokoll vom 13.08.2026; Protokoll vom 10.09.2026) | Automatisierung vorbereiten |
S/MIME | ML-DSA und ML-KEM mit Ballot SMC013 in die S/MIME Baseline Requirements aufgenommen, zum 22.08.2025 (Quelle: CA/Browser Forum, Ballot SMC013) | Pilot mit ausgewählten Postfächern |
Codesignatur und Firmware | LMS und XMSS nach SP 800-208 einsetzbar, zustandsbehaftete hashbasierte Signaturen mit sorgfältigem State Management, deshalb nicht für den allgemeinen Einsatz gedacht (Quelle: NIST, SP 800-208). CNSA 2.0 führt LMS und XMSS für die Software- und Firmware-Signierung: Die NSA will den Übergang jetzt beginnen sehen, „prefers to see this transition begin now (using LMS and XMSS)“, und erwartete die Umsetzung für einige langlebige Signaturen im Jahr 2025 (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ); nach der Zeitachse der NSA soll CNSA 2.0 hier ab 2030 ausschließlich genutzt werden (Quelle: NSA, Announcing the Commercial National Security Algorithm Suite 2.0) | Zweiten Signaturpfad in Build-Kette vorsehen |
Cloud | AWS KMS: ML-DSA-Signaturen seit 13.06.2025; Google Cloud KMS: PQC-Signaturen allgemein verfügbar seit 16.07.2026; Microsoft: ML-KEM, ML-DSA und SLH-DSA in .NET 10 und PQC-Unterstützung in CNG seit November 2025, einzelne Signatur-Schnittstellen weiterhin als experimentell gekennzeichnet (Quellen: AWS, KMS; Google Cloud, KMS Release Notes; Microsoft, .NET 10) | Schlüsselverwaltung auf PQC-fähige Dienste umstellen |
Aus der Tabelle lässt sich eine praktische Regel ableiten: Der von außen sichtbare Teil ist überwiegend durch Aktualisierungen von Browsern und Bibliotheken abgedeckt. Der interne Teil ändert sich erst, wenn er im eigenen Haus geplant wird.
„WARNING: connection is not using a post-quantum key exchange algorithm. This session may be vulnerable to ‚store now, decrypt later‘ attacks.“ Quelle: OpenSSH,Post-Quantum Cryptography, Warnmeldung des ssh-Clients seit Version 10.1 vom 06.10.2025
Die Warnung erscheint im ssh-Client, nicht im Serverprotokoll (Quelle: OpenSSH 10.1 Release Notes). Als Hinweisgeber taugt sie trotzdem: Wer die Meldungen im Administrationsteam sammelt, erkennt Gegenstellen, die noch klassisch verhandeln. Ein vollständiges Inventar ersetzt das nicht. Wie schnell ein Unternehmen tatsächlich ein repräsentatives Bild erhält, hängt von der Verbindungsfrequenz, dem überwachten Netzwerksegment und der Logging-Abdeckung ab. Als Diagnose für einzelne Verbindungen ist eine erhöhte Protokollierung möglich, als dauerhafte Inventarisierung ist sie nicht geeignet: Die OpenBSD-Dokumentation zu sshd_config hält zum LogLevel ausdrücklich fest, „Logging with a DEBUG level violates the privacy of users and is not recommended“ (Quelle: OpenBSD, sshd_config(5)).
Die folgenden Werte beschreiben die algorithmischen Größen der öffentlichen Schlüssel, Signaturen beziehungsweise KEM-Ciphertexte; sie entsprechen nicht automatisch der Größe der jeweiligen X.509-, TLS- oder SSH-Strukturen (Quellen: NIST, FIPS 203, Tabelle 3; NIST, FIPS 204, Tabelle 2; NIST, FIPS 205, Tabelle 2; RFC 7748; RFC 8032; SEC 1; RFC 3279).
Verfahren | Öffentlicher Schlüssel | Signatur bzw. KEM-Ciphertext |
X25519 | 32 Byte | 32 Byte Key Share |
ML-KEM-768 | 1.184 Byte | 1.088 Byte Ciphertext |
Ed25519 | 32 Byte | 64 Byte |
ECDSA P-256 | 65 Byte* | bis zu 72 Byte DER-kodiert** |
ML-DSA-44 | 1.312 Byte | 2.420 Byte |
ML-DSA-65 | 1.952 Byte | 3.309 Byte |
ML-DSA-87 | 2.592 Byte | 4.627 Byte |
SLH-DSA-SHA2-192s | 48 Byte | 16.224 Byte |
* Der Wert von 65 Byte bezieht sich auf den unkomprimierten P-256-Public-Key als elliptischen Kurvenpunkt; eine vollständige SubjectPublicKeyInfo- beziehungsweise X.509-Kodierung ist größer.
** Bei ECDSA ist die DER-kodierte Signatur nicht immer exakt 72 Byte groß; die konkrete Länge hängt von den kodierten r- und s-Werten ab.
Für den hybriden Schlüsselaustausch bedeutet das konkret: Der KeyShare für X25519MLKEM768 umfasst 1.216 Byte beim Client und 1.120 Byte beim Server. Gegenüber einem reinen X25519-KeyShare von 32 Byte kommen damit rund 1.184 beziehungsweise 1.088 Byte hinzu (Quelle: RFC 10024). Das ist verkraftbar und seit 2024 breit erprobt und eingesetzt: Chrome hatte den hybriden Schlüsselaustausch zunächst mit der damaligen Kyber-Entwurfsfassung für sämtliche Desktop-Clients aktiviert und mit Version 131 auf ML-KEM umgestellt, womit die Kyber-Variante entfiel (Quellen: Chromium Blog, Protecting Chrome Traffic with Hybrid Kyber KEM; Google Security Blog, A new path for Kyber on the web). Breit erprobt und eingesetzt heißt aber nicht final standardisiert: Die ML-KEM-basierte TLS-Hybridisierung wurde erst im August 2026 mit RFC 10024 standardisiert (Quelle: RFC 10024).
Bei Zertifikaten sieht die Rechnung anders aus. Nach Überschlagsrechnungen von Red Sift umfassen die kryptografischen Anteile einer typischen Kette, also Signaturen und öffentliche Schlüssel einschließlich der Nachweise der Certificate Transparency, mit ECDSA rund 586 Byte, mit RSA rund 1.712 Byte, mit ML-DSA-44 durchgängig rund 14.724 Byte und mit stärkeren Verfahren für Zwischen- und Wurzelzertifikat rund 18.640 Byte (Quelle: Red Sift, Why post-quantum signatures are breaking TLS handshake limits). Cloudflare kommt für ML-DSA auf einen vergleichbaren Zuwachs von rund 14,7 Kilobyte, gerechnet mit zwei öffentlichen Schlüsseln und fünf Signaturen (Quelle: Cloudflare, Another look at PQ signatures). Die Vergleichsgröße dazu: RFC 6928 hebt die zulässige obere Grenze des TCP Initial Window auf bis zu zehn Segmente beziehungsweise maximal 14.600 Byte an; Implementierungen können ein kleineres Fenster verwenden. Die Formel dort lautet min(10 × MSS, max(2 × MSS, 14.600 Byte)), und die Erhöhung ist ausdrücklich optional: „a TCP MAY start with an initial window that is smaller than 10 segments“ (Quelle: RFC 6928, Experimental, April 2013). Samt übrigem Handshake bedeutet das bei verbreiteten Einstellungen in der Regel einen zusätzlichen Roundtrip. Bei QUIC ist die relevante Grenze zunächst nicht ein TCP-Congestion-Window, sondern das Anti-Amplification-Limit: Vor erfolgreicher Adressvalidierung darf ein Server höchstens das Dreifache der von einem Client empfangenen Daten senden. Beim minimalen Client-Initial von 1.200 Byte sind das 3.600 Byte (Quelle: RFC 9000).
Cloudflare hat den Effekt in einem Experiment mit künstlich vergrößerten Handshakes gemessen, in dem zusätzliche Zertifikate eingefügt wurden: Weniger als neun Kilobyte Zusatzdaten verlängerten den Verbindungsaufbau um rund 15 Prozent (Quelle: Cloudflare, Another look at PQ signatures). In einem Cloudflare-Experiment wurde unter den dort verwendeten Testbedingungen für größere Zertifikatsketten und ein Initial Window von zehn Paketen eine Größenordnung von 60 bis 80 Prozent zusätzlicher Verbindungsaufbauzeit beobachtet beziehungsweise erwartet (Quelle: Cloudflare, Sizing Up Post-Quantum Signatures). Cloudflare weist selbst darauf hin, dass reale TLS-Handshakes hinsichtlich Zertifikaten und Erweiterungen erheblich variieren; es handelt sich also um experimentelle Ergebnisse unter bestimmten Bedingungen, nicht um allgemeingültige Werte. Je höher die Latenz, etwa im Mobilfunk, desto stärker fällt jeder zusätzliche Roundtrip ins Gewicht.
Für eingebettete Systeme ist der Speicherbedarf das härtere Kriterium. Eine frühere Fassung des IETF-Entwurfs zu PQC auf beschränkten Geräten nannte für das Signieren mit ML-DSA-65 auf Hardware der Cortex-M4-Klasse über 68 Kilobyte Arbeitsspeicher; speicheroptimierte Varianten kamen mit acht Kilobyte aus, waren dann aber deutlich langsamer, die Verifikation war mit drei bis zehn Kilobyte machbar. Eine spätere Fassung beziffert das Signieren mit ML-DSA-87 auf rund 79 Kilobyte, mit Lazy Expansion auf rund 12 Kilobyte; der Entwurf liegt inzwischen in der Fassung 07 vom 8. Oktober 2026 vor (Quelle: IETF, draft-ietf-pquip-pqc-hsm-constrained). Geräte mit acht bis sechzehn Kilobyte verfügbarem RAM stehen damit vor einer echten Abwägung.
Drei Fehlerbilder treten wiederholt auf:
Ein vierter Punkt betrifft nicht die Kryptografie, sondern die Toolkette: OpenSSL 4.0.0 hat am 14. April 2026 die ENGINE-Schnittstelle entfernt (Quelle: OpenSSL 4.0 Final Release). Wer HSM-Anbindungen über ENGINE betreibt, hat damit eine Migrationsaufgabe, die mit PQC nichts zu tun hat, aber im selben Zeitfenster anfällt.
Die Größe der Signaturen ist dafür ein wesentlicher technischer Grund, aber nicht der alleinige. Daneben müssen die Anforderungen des CA/Browser Forums, die Zertifikats- und Sperrinfrastruktur samt Certificate Transparency und die Root-Programme der Browser angepasst werden, und die hybriden Zertifikatsmodelle sind noch in Arbeit: Für zusammengesetzte Signaturen in X.509 liegt bislang nur ein IETF-Entwurf vor (Quelle: IETF, draft-ietf-lamps-pq-composite-sigs). Die Branche prüft deshalb zwei Wege gleichzeitig.
Der erste Weg ist ML-DSA im heutigen Zertifikatsformat. Die Grundlage dafür ist mit RFC 9881 seit Oktober 2025 gelegt, der die Verwendung von ML-DSA in X.509-Zertifikaten und Sperrlisten standardisiert (Quelle: RFC 9881). Im CA/Browser Forum liegt der Entwurf als Ballot SC-106 vor: Im Protokoll der Server Certificate Working Group vom 30. Juli 2026 heißt es, man arbeite weiterhin an der Zusammenführung zweier ML-DSA-Entwürfe (Quelle: CA/Browser Forum, Protokoll vom 30.07.2026); laut Protokoll vom 13. August 2026 steht ein gemeinsamer Entwurf kurz vor der Fertigstellung (Quelle: CA/Browser Forum, Protokoll vom 13.08.2026), am 10. September 2026 wurde kein Fortschritt berichtet (Quelle: CA/Browser Forum, Protokoll vom 10.09.2026). Verabschiedet ist der Ballot bis Oktober 2026 nicht. Cloudflare ordnet ML-DSA in einem Beitrag vom 9. Juli 2026, aktualisiert am 6. August 2026, als Verfahren für die erste Migrationsphase ein: „ML-DSA is available today, and it will have to do for the first migration.“ Die dort veröffentlichte Zeitleiste erwartet die Verfügbarkeit erster ML-DSA-Zertifikate im Web-PKI für das Frühjahr 2027. Das ist eine Prognose des Anbieters (Quelle: Cloudflare, Why we cannot wait for better post-quantum signature algorithms).
Der zweite Weg sind Merkle Tree Certificates. Let’s Encrypt hat am 3. Juni 2026 angekündigt, diesen Weg zu gehen, mit einer Staging-Umgebung Ende 2026 und Produktivbetrieb 2027. Die Begründung: Ein TLS-Handshake mit reinen ML-DSA-Signaturen würde deutlich über zehn Kilobyte groß; Merkle Tree Certificates (MTC) sollen die Größe des im TLS-Handshake übertragenen Authentisierungspfads deutlich reduzieren (Quelle: Let’s Encrypt, A Post-Quantum Future for Let’s Encrypt). Google Chrome hat am 27. Februar 2026 einen dreistufigen Plan veröffentlicht und nimmt traditionelle X.509-Zertifikate mit PQC nicht unmittelbar in den bestehenden Chrome Root Store auf. Stattdessen wurde der separate Chrome Quantum-resistant Root Store (CQRS) eingeführt, der ausschließlich Merkle Tree Certificates unterstützt: ab dem ersten Quartal 2027 soll das Bootstrapping öffentlicher Merkle Tree Certificates beginnen, ab dem dritten Quartal 2027 sollen weitere Zertifizierungsstellen hinzukommen (Quelle: Google, Cultivating a robust and efficient quantum-safe HTTPS). Der Entwurf der zugehörigen Programmrichtlinie vom August 2026 ist kein bloßer Zukunftsplan mehr: Er enthält konkrete Anforderungen an MTC-Zertifizierungsstellen und an Mirroring Operators (Quelle: Chrome Quantum-resistant Root Program Policy, Entwurf). Dazu liegen Testanweisungen vor, laut Fachprüfung veröffentlicht am 24. September 2026, Stand der Seite 16. Oktober 2026: Chrome stellt einen eigenen Test-Root-Store für Merkle Tree Certificates bereit, beschreibt die nötigen Flags ab Chrome 152 und ein Verfahren für Test-Cosigner (Quelle: Chrome Quantum-resistant Root Program, Testanweisungen).
Für die Unternehmensplanung folgen daraus zwei Konsequenzen. Zum einen können Unternehmen heute mit einer PQC-fähigen internen PKI beginnen, ohne auf die Aufnahme entsprechender Zertifikate in die Root-Programme der Browser zu warten; Trust Stores, Anwendungen, Hardware-Sicherheitsmodule und Zertifikatsprofile müssen dabei kompatibel sein. Zum anderen wird die externe Umstellung nicht durch eine Konfigurationsänderung erledigt, sondern durch die Fähigkeit, Zertifikate schnell und automatisiert zu wechseln.
Diese Fähigkeit wird ohnehin verlangt. Das CA/Browser Forum hat mit Ballot SC-081v3 (Abstimmung bis 11. April 2025) beschlossen, die maximale Laufzeit öffentlicher TLS-Zertifikate von 398 Tagen schrittweise auf 200 Tage (seit 15. März 2026), 100 Tage (ab 15. März 2027) und 47 Tage (ab 15. März 2029) zu senken. Die Wiederverwendungsdauer der Domainvalidierung sinkt bis 2029 auf zehn Tage (Quelle: CA/Browser Forum, Ballot SC-081v3). Automatisierte Zertifikatsausstellung und Rotation schaffen die operative Voraussetzung dafür, kryptografische Verfahren später ohne manuelle Einzelmigration austauschen zu können.
Hardware-Sicherheitsmodule (HSM) verwahren die Schlüssel, auf denen interne PKI, Codesignatur und viele Anwendungen beruhen. Für die Post-Quantum-Migration reicht es deshalb nicht, dass ein HSM die neuen Verfahren beherrscht. In regulierten Umgebungen muss es sie auch in zertifizierter Form anbieten. Dabei lohnt eine Unterscheidung, die in Herstellerunterlagen oft verwischt wird.
Eine CAVP-Validierung bestätigt die korrekte Implementierung einzelner kryptografischer Algorithmen und ist Voraussetzung für die Modulvalidierung (Quelle: NIST, CAVP). Eine CMVP-Validierung bestätigt dagegen das kryptografische Modul nach FIPS 140-3 (Quelle: NIST, CMVP). Wenn eine Beschaffung eine FIPS-140-3-validierte kryptographische Modulimplementierung verlangt, ist die CMVP-Zertifizierung des konkreten Moduls maßgeblich. Eine CAVP-Listung sagt nicht, dass der Algorithmus innerhalb der validierten Modulgrenze liegt. Nicht jede regulierte Umgebung verlangt dabei automatisch FIPS 140-3 Level 3.
Entrust meldete am 10. September 2025 CAVP-Validierungen für ML-DSA, ML-KEM und SLH-DSA in der nShield-Firmware 13.8.0 (Quelle: Entrust, Pressemitteilung vom 10.09.2025). Thales integrierte ML-KEM und ML-DSA mit der Luna-Firmware 7.9, angekündigt am 27. Juni 2025 (Quelle: Thales, Luna HSM Firmware v7.9). Im Sommer 2026 folgten frühe FIPS-140-3-Level-3-Hardwarevalidierungen mit explizit ausgewiesenen PQC-Algorithmen: Thales Trusted Cyber Technologies erhielt am 29. Juli 2026 das Zertifikat 5450 für das Modul Luna T7 mit ML-DSA, ML-KEM und LMS (Quelle: NIST CMVP, Zertifikat 5450), Crypto4A am 19. August 2026 das Zertifikat 5497 für das QASM (Quelle: NIST CMVP, Zertifikat 5497). Viele verbreitete Plattformen hatten PQC im Oktober 2026 dagegen nur CAVP-validiert. Das Beratungsunternehmen Encryption Consulting nennt für den Abstand zwischen Verfügbarkeit eines Algorithmus und zertifiziertem Modul zwölf bis achtzehn Monate und bezieht sich dabei auf eine Fachpublikation (Quelle: Encryption Consulting, Are Your HSMs PQC-Ready?).
Für Organisationen, die an US-Behörden liefern oder in deren Beschaffungskontext arbeiten, gilt CNSA 2.0. Die Suite ist für U.S. National Security Systems (NSS) und entsprechende Beschaffungs- und Interoperabilitätskontexte bestimmt, nicht als allgemein strengere Vorgabe: Die NSA hält fest, dass sie mit diesen Anforderungen keiner Stelle außerhalb der NSS vorschreibt, welche Algorithmen sie verwendet, „NSA is not using these requirements to dictate to any other entity outside of NSS what algorithms they should use“, und dass CNSA 2.0 außerhalb der NSS keine Pflicht ist, „it is not a requirement beyond NSS“; nützlich sein kann die Vorgabe für alle, die mit NSS interoperieren wollen (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Für Public-Key-Verfahren sieht sie ML-KEM-1024 und ML-DSA-87 vor, dazu AES-256 und SHA-384 oder SHA-512; für Software- und Firmware-Signaturen kommen LMS und XMSS hinzu. SLH-DSA gehört nicht zur Suite und ist in National Security Systems nicht zugelassen. Innerhalb der NSS gilt dagegen: Neubeschaffungen müssen ab dem 1. Januar 2027 CNSA-2.0-konform sein, Geräte ohne CNSA-2.0-Unterstützung sollen bis zum 31. Dezember 2030 außer Betrieb sein, und bis zum 31. Dezember 2031 ist die Nutzung der CNSA-2.0-Algorithmen vorgeschrieben; bei der Firmware- und Softwaresignierung soll der Übergang mit LMS und XMSS sofort beginnen (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Nach Produktkategorien unterscheidet die Zeitachse zwischen „support and prefer“, also Unterstützung und Bevorzugung, und „exclusively use“, der ausschließlichen Nutzung: Für traditionelle Netzwerkausrüstung nennt die NSA 2026 für Unterstützung und Bevorzugung und 2030 für die ausschließliche Nutzung, für Betriebssysteme 2027 und 2033, bei Software- und Firmware-Signaturen den unmittelbaren Beginn mit ausschließlicher Nutzung bis 2030 (Quelle: NSA, Announcing the Commercial National Security Algorithm Suite 2.0).
Welle 0, Vorbereitung und Discovery. Krypto-Inventarisierung, Kritikalitätsbewertung und Interoperabilitätstests, bevor Konfigurationen geändert werden. NIST beschreibt Cryptographic Discovery und Testing ausdrücklich als zentrale Bestandteile der PQC-Migration (Quelle: NCCoE, NIST SP 1800-38). Parallel dazu gehört in diese Phase die Vorbereitung der Austauschbarkeit kryptografischer Verfahren auf Protokoll-, Anwendungs-, Hardware- und Infrastrukturebene, wie sie NIST in seinen Arbeiten zur Krypto-Agilität beschreibt (Quelle: NIST, CSWP 39upd1). Eine vierte große Rollout-Welle muss daraus nicht werden; methodisch gehört die Phase aber vor die Wellen eins bis drei.
Welle 1, ohne Zertifikatsänderung. Hybriden Schlüsselaustausch unterstützen, bevorzugen und anhand der tatsächlich ausgehandelten Gruppe verifizieren, und zwar dort, wo beide Seiten kontrolliert werden: interne TLS-Strecken, SSH, Site-to-Site-VPN. Bibliotheken auf eine unterstützte und aktuelle OpenSSL-3.5.x-Version oder eine dafür freigegebene neuere Version und auf OpenSSH 10.x heben (Quelle: OpenSSL 3.5). Diese Welle ändert keine Zertifikate und keine Vertrauensketten. RFC 10024 standardisiert dafür X25519MLKEM768, SecP256r1MLKEM768 und SecP384r1MLKEM1024; die Sicherheitsidee der Hybridisierung ist, dass der kombinierte Schlüssel geschützt bleibt, solange mindestens eine der beiden Komponenten sicher ist (Quelle: RFC 10024). Erst wenn eine dieser Gruppen tatsächlich ausgehandelt und das überprüft wurde, ist der künftige Verkehr auf diesen Strecken gegen nachträgliche Entschlüsselung geschützt.
Welle 2, Betriebsfähigkeit herstellen. Zertifikatsautomatisierung über ACME oder gleichwertige Verfahren flächendeckend einführen und auf die geltenden Laufzeiten auslegen: Seit dem 15. März 2026 beträgt die maximale Laufzeit öffentlicher TLS-Zertifikate 200 Tage, ab dem 15. März 2027 werden 100 Tage verbindlich, ab dem 15. März 2029 sind es 47 Tage (Quelle: CA/Browser Forum, Ballot SC-081v3). Krypto-Bibliotheken zentralisieren, fest verdrahtete Gruppen- und Algorithmenlisten aus eigenen Anwendungen entfernen. Parallel eine interne PQC-Testhierarchie aufbauen und Anwendungen gegen ML-DSA-Zertifikate testen, um Größenprobleme früh zu finden.
Welle 3, Signaturen und Hardware. Interne PKI auf ML-DSA umstellen, zweiten Signaturpfad in Codesignatur und Firmware einziehen, HSM-Bestand nach CMVP-Status prüfen und Ersatzbeschaffung planen, öffentliche Web-PKI entsprechend den jeweils unterstützten CA-/Browser-/Trust-Store-Mechanismen migrieren.
Ein Testkriterium sollte jede Welle begleiten: Wird die klassische Option probeweise abgeschaltet, muss die Verbindung weiterhin zustande kommen. Ein hybrider Handshake, der im Zweifel auf X25519 zurückfällt, ist konfiguriert, aber betrieblich noch nicht abgesichert.
Die Algorithmen sind standardisiert; die vollständige Integration in alle Protokoll-, PKI-, Trust-Store- und Hardware-Ökosysteme ist noch nicht abgeschlossen. Am weitesten fortgeschritten ist derzeit der Pfad des Key Establishment: RFC 10024 wurde im August 2026 als Standards Track RFC veröffentlicht und definiert X25519MLKEM768, SecP256r1MLKEM768 und SecP384r1MLKEM1024 (Quelle: RFC 10024). X25519MLKEM768 ist dabei als Recommended TLS Supported Group registriert (Quelle: IANA, TLS Supported Groups). Für Signaturen liegen die Standards ebenfalls vor: NIST hat FIPS 204 (ML-DSA) und FIPS 205 (SLH-DSA) am 13. August 2024 veröffentlicht (Quellen: NIST, PQC-Standardisierungsprozess; NIST, FIPS 204; NIST, FIPS 205), und RFC 9881 regelt seit Oktober 2025 die Verwendung von ML-DSA in X.509-Zertifikaten und Sperrlisten (Quelle: RFC 9881). Was tatsächlich noch fehlt beziehungsweise sich entwickelt, ist die breite interoperable Nutzung dieser Signaturen in der öffentlichen Web-PKI, einschließlich CA-Regeln, Browser-Root-Programme, Certificate Transparency und Trust Stores. Welcher der parallelen Entwicklungswege der Web-PKI sich durchsetzt, ist offen; eine Jahresprognose gibt dieser Beitrag deshalb nicht ab.
Daraus folgt eine einfache Reihenfolge. Dort, wo PQ/T-Hybrid-Key-Establishment interoperabel verfügbar und getestet ist, sollte die produktive Aktivierung priorisiert werden. Parallel sollten PKI, Zertifikatsautomatisierung, HSMs und Anwendungen auf die später erforderliche PQC-Authentisierung vorbereitet werden. Diese Reihenfolge adressiert die drängendere Bedrohung, und zwar ohne zunächst die bestehende Zertifikats- und Vertrauensinfrastruktur austauschen zu müssen. Das bedeutet nicht, dass jede Organisation sofort alle PQC-Funktionen produktiv erzwingen muss; die Vorbereitung zahlt sich unabhängig davon aus, welcher der beiden Zertifikatswege sich durchsetzt.
Weiterführend: Risikobewertung des Quantencomputer-Risikos und Migrationsplanung, Post-Quantum- und Quantum-Cryptography im Vergleich und Quantum Computing und Post-Quantum Security im Überblick.
Mohammed Meziani
Senior Security Consultant
Orange Cyberdefense
Mohammed Meziani ist seit sieben Jahren bei Orange Cyberdefense tätig und als Senior-Berater für IT-Sicherheit auf Post-Quanten-Kryptografie (PQC) und Public Key Infrastructure (PKI) spezialisiert. Er promovierte im Bereich Post-Quanten-Kryptografie an der TU Darmstadt und verbindet fundierte wissenschaftliche Expertise mit über 15 Jahren Berufserfahrung. Sein Schwerpunkt liegt auf der Bewertung und Weiterentwicklung kryptografischer Sicherheitsarchitekturen, der Integration quantensicherer kryptografischer Verfahren und der zukunftssicheren Gestaltung von PKI-Infrastrukturen. Er unterstützt Unternehmen dabei, ihre kryptografischen Systeme auf die Herausforderungen des Quantencomputings vorzubereiten und den Übergang zu quantensicheren Lösungen strategisch zu gestalten. Darüber hinaus verfügt er über umfassende Projekterfahrung in der Banken-, Versicherungs- und Automobilindustrie.
ML-KEM-768 ist für viele allgemeine Anwendungen der naheliegende Ausgangspunkt; ML-KEM-1024 ist insbesondere bei höheren Sicherheitsanforderungen und CNSA-2.0-Anforderungen relevant. Für ML-KEM-768 spricht, dass es der Sicherheitskategorie 3 zugeordnet ist, zu den vom BSI empfohlenen Parametersätzen gehört und in der hybriden Gruppe X25519MLKEM768 steckt, die aktuelle Browser standardmäßig anbieten (Quellen: BSI, TR-02102-1, Version 2026-01, Tabelle 2.7; RFC 10024; Google Security Blog). Verbindlich wird ML-KEM-1024 dort, wo CNSA 2.0 gilt, etwa bei Lieferungen an US-Regierungsstellen (Quelle: NSA, CNSA 2.0 FAQ). Das BSI empfiehlt beide Parametersätze, für die quantensichere IKEv2-Schlüsseleinigung in Kombination mit klassischen Verfahren, sobald die entsprechende Standardisierung abgeschlossen ist (Quelle: BSI, TR-02102-3).
Technisch ja, nach BSI-Empfehlung ist der hybride Einsatz vorgesehen. Die Technische Richtlinie TR-02102-1 empfiehlt, quantensichere Verfahren mit einem klassischen Verfahren zu kombinieren, und zwar bei der Schlüsseleinigung wie bei Signaturen (Quelle: BSI, TR-02102-1, Version 2026-01, Abschnitte 2.2 und 5.3.4). Für bestimmte Protokollkontexte verfolgt das BSI diesen hybriden Ansatz ausdrücklich: In der TR-02102-3 ist für IKEv2 die hybride Verwendung von ML-KEM-768 beziehungsweise ML-KEM-1024 mit klassischen Verfahren vorgesehen, sobald die entsprechende Standardisierung abgeschlossen ist (Quelle: BSI, TR-02102-3). Daraus folgt keine allgemeine Untersagung: Dass das BSI reines ML-KEM verbietet, steht dort nicht. Die ANSSI ist teils strenger: Für Produkte mit Post-Quantum-Schutz schreibt sie Hybridisierung kurz- und mittelfristig vor; frühestens nach 2030 könnte sie optional werden (Quellen: ANSSI, Positionspapier 2022; ANSSI, Follow-up 2023). Für hashbasierte Signaturen wie SLH-DSA, LMS und XMSS empfiehlt die ANSSI keine systematische Hybridisierung (Quelle: ANSSI, FAQ Post-Quanten-Kryptografie).
NIST nennt kein Datum. Auf der Projektseite zum Standardisierungsprozess führt NIST FALCON als Algorithmus, der in FIPS 206 veröffentlicht werden soll, mit dem Status „in development“ (Quelle: NIST, PQC-Standardisierungsprozess, Stand 05.08.2026). Auf der sechsten PQC-Standardisierungskonferenz hat NIST am 25. September 2025 zu FIPS 206 vorgetragen (Quelle: NIST, FIPS 206: FN-DSA (Falcon), 25.09.2025), in einem Vortrag am 28. Januar 2026 führte NIST den Standard als „under development (hopefully soon)“ (Quelle: NIST, Vortrag „The NIST Post-Quantum Cryptography Project“, MPTS 2026). Entwurfsarbeiten laufen also. Bis September 2026 ist FIPS 206 noch nicht als finaler NIST-Standard veröffentlicht, und bis Oktober 2026 liegt auch kein öffentlicher Entwurf (Draft FIPS) vor. Planungen sollten nicht davon abhängen.
Der HAWK-Angriff liefert keinen unmittelbaren Grund, eine ML-DSA-Migration zu stoppen oder zu ändern; er ist aber ein Beispiel dafür, warum die zusätzliche Analyse alternativer Signaturverfahren und die Krypto-Agilität (Crypto Agility) relevant bleiben. HAWK war ein Kandidat der dritten Runde im NIST-Verfahren für zusätzliche Signaturverfahren (Quelle: NIST IR 8610) und wurde am 29. Juli 2026 vom eigenen Team zurückgezogen. Die Ankündigung des Angriffs vom 28. Juli 2026 auf der NIST-Mailingliste stellt ausdrücklich fest: „This result does not impact Falcon, ML-DSA, or other latticed-based (sic) schemes.“ (Quelle: NIST pqc-forum, HAWK-Thread).
Nicht zwingend, aber prüfen Sie den Stand. Mehrere Hersteller liefern PQC-Algorithmen per Firmware nach. Entscheidend ist, ob die Algorithmen innerhalb der validierten Modulgrenze liegen, wenn Sie eine Validierung nach FIPS 140-3 benötigen. Die Zertifikatsnummer allein reicht dafür nicht; abzufragen sind CMVP-Zertifikat und Status, Security Policy, Modul- und Firmwareversion, konkret validierte PQC-Algorithmen, deren Parametersätze und die tatsächliche Betriebsart.
Für diese Fälle bleibt die Absicherung auf einer darunterliegenden Schicht: ein PQC-fähiger TLS-Terminierungspunkt, ein hybrid abgesicherter VPN-Tunnel oder eine Kapselung des Verkehrs. Das ist eine kompensierende Maßnahme (Compensating Control) für den Transportweg, nicht vollständiger Ersatz für End-to-End-PQC: Sie verhindert das Mitschneiden auf dem Transportweg, schützt aber nicht die Strecke hinter dem Terminierungspunkt.