Dieser Beitrag richtet sich an OT-Betreiber, Produktions- und Werkleiter, IT-/OT-Security-Verantwortliche und CISOs, die wissen wollen, wie sich Operational Technology (OT) mit überschaubaren, priorisierten Schritten wirksam absichern lässt, von der Detection über die Netzwerkarchitektur bis zur konkreten Umsetzung. Grundlage sind zwei Praxisvorträge der OT Security Days von Orange Cyberdefense Germany: der Detection-Blick von Dragos und der Architektur-/Umsetzungsblick von Fortinet. Referenten: Olli Herterich (Solution Architect, Dragos) und Roland Renner (Business Development, Fortinet); Moderation: Rainer Bäder (Orange Cyberdefense).
Die vollständige Aufzeichnung finden Sie hier.
Den zweiten Teil zur Maschinenrichtlinie in der OT finden Sie hier oder als Artikel hier.
OT-Netze unterscheiden sich grundlegend von klassischen IT-Umgebungen. Anlagen und Steuerungen laufen oft über Jahrzehnte, sind historisch gewachsen und lassen sich nicht ohne Weiteres neu starten oder patchen. Ein zentraler Unterschied betrifft die Werkzeuge: In der IT lässt sich Incident Response mit einem „Koffer voller Agents" erledigen, die man breit ausrollt. In der OT ist genau das nicht möglich, denn Agents auf Steuerungen oder Maschinen zu installieren ist schwierig bis unzulässig.
Deshalb setzt wirksame OT-Verteidigung primär am Netzwerk an: Man beobachtet die Kommunikation, statt Software auf jedem Endgerät zu installieren. Genau aus diesem Gedanken, „Wireshark auf Steroiden", um im Netzwerk nach Angreifern zu suchen, ist historisch der Monitoring-Ansatz für die OT entstanden.
Als roter Faden dienen im Vortrag die SANS 5 Critical Controls for OT – bewusst nur fünf Maßnahmen, die bei den bekannten OT-Cyberangriffen den größten Schutz geboten hätten (die IT-Variante umfasst rund 20 Punkte). Sie sind ein pragmatischer Startpunkt statt eines überfrachteten Programms:
# | Control | Kernidee |
1 | Incident-Response-Plan | Realistische Szenarien je Branche/Region definieren (Ransomware, staatliche Akteure, Hacktivisten) und vorab festlegen, was im Ernstfall zu tun ist. |
2 | Defensible Architecture | Eine verteidigbare Architektur mit Segmentierung/Zonierung; Verbindungen müssen sich gezielt unterbrechen lassen, um Vorfälle einzugrenzen. |
3 | Visibility & Monitoring | Angriffe erkennt nur, wer das Netz sieht: Asset-Inventar und kontinuierliches Netzwerk-Monitoring. |
4 | Secure Remote Access | Fernzugriffe absichern. Das ist einer der häufigsten Angriffswege in der OT. |
5 | Risk-Based Vulnerability Mgmt. | Schwachstellen risikobasiert priorisieren statt pauschal patchen. |
Die Controls sind bewusst schlank gehalten. Leitprinzip: „Bei allen Anforderungen gilt immer: basierend auf dem Risiko." Nicht jede Maßnahme muss überall in voller Tiefe umgesetzt werden. Die Entscheidung muss aber begründet und dokumentiert sein.
Für die Umsetzung dient das aus der IT-Security bekannte Defense-in-Depth- bzw. Zwiebelschalenmodell mit mehreren Ebenen – von Security-Policies und physischem Schutz über Netzwerksegmentierung bis zur Absicherung einzelner Komponenten. Auf Netzwerkebene beschreibt der Vortrag eine typische Architektur: Enterprise-Netz (mit Internetanbindung und Firewall) → DMZ als „Marktplatz" für Kunden-/Lieferantenzugriffe → industrielle Switch-Ebene mit VLAN-Segmentierung → OT-/Maschinennetz, zusätzlich durch Firewalls abgesichert. Eine Zone bündelt Komponenten mit gleichem Sicherheitsniveau; ein Kanal (Conduit) definiert den erlaubten Datenfluss zwischen Zonen. Empfohlen wird konsequentes Whitelisting statt Blacklisting.
Fernzugänge sind in der Praxis eine der größten Schwachstellen. Ein wiederkehrendes Bild aus den Assessments:
„Mein persönliches Highlight ist immer, dass ich bei jedem dritten Kunden irgendwo in der OT eine TeamViewer-Session finde, aber nicht das Professional, sondern das Consumer-TeamViewer, das da einfach offen mitläuft. Das sind so schöne Einfallstore, die man findet." Olli Herterich, Solution Architect, Dragos
Solche „schönen Einfallstore" sind für Angreifer leicht nutzbar. Fernzugriffe gehören zertifiziert, kontrolliert und auf das Nötigste beschränkt.
OT-Umgebungen sind oft alt und tragen viele Schwachstellen. Patchen ist häufig nicht möglich oder nicht sinnvoll. Der pragmatische Weg ist eine risikobasierte Priorisierung nach dem Muster Now / Next / Never:
Wichtig: Statt zu patchen, lässt sich das Risiko oft anders mitigieren, etwa indem man den von der Schwachstelle genutzten Port/Dienst abschaltet oder streng auf die Geräte begrenzt, die ihn wirklich brauchen. Ein Beispiel aus dem Vortrag: Nutzt eine Schwachstelle TCP-Port 102 (typischer S7-Kommunikationsport), ist entscheidend, wer überhaupt Zugriff auf diesen Port hat; ein ganzes /16-Netz ist hochkritisch, eine einzelne Workstation deutlich weniger.
Verteidigung beginnt mit Sichtbarkeit: Wer ist im Netz und wie kommuniziert er? Auf Basis der Asset-Daten werden Schwachstellen zugeordnet und Angriffe erkannt. Ein wichtiger Punkt aus dem Vortrag ist die Unterscheidung zwischen dem, was aktuell passiert und dem, was passieren kann: Reines Traffic-Monitoring zeigt nur den Ist-Zustand. Ein Network-Access-Modeling-Ansatz (im Vortrag: die Lösung „NP-View") modelliert zusätzlich die möglichen Kommunikationspfade über Ports und Firewalls und macht so „overpermissive" Regeln sichtbar, die man enger ziehen sollte. Ergänzt wird das durch Threat Detection und durch Playbooks, die von Incident-Respondern gepflegt werden und Schritt für Schritt vorgeben, wie ein Verdachtsfall zu untersuchen ist.
Gerade Teams, die OT-Security erst aufbauen, müssen nicht alles von Tag 1 selbst können. Nachfolgend finden Sie mehrere Bausteine, die sich kombinieren lassen:
Ein wiederkehrender Praxis-Hinweis: Nicht jedes Risiko geht vom gezielten Angreifer aus. Auch versehentliche Fehler (z. B. ein gezogenes Netzwerkkabel) zählen dazu. Besonders kritisch ist die häufige OT-Backup-Lücke: Während die IT gute Backup-Policies hat, fehlt sie für Produktions- und Maschinen-Software oft.
KI wird auch in der OT-Security zum Thema. Im Vortrag wird ein neu vorgestellter KI-Agent beschrieben, der auf kuratierten, menschlich erzeugten Daten (Threat-Intelligence-Reports, Service-Daten) statt auf beliebigen Internetquellen arbeitet. Nur mit belastbaren Daten liefert ein KI-Agent verlässliche Analysen, etwa um eine Notification einzuordnen oder zu prüfen, ob eine aktuelle Kampagne das eigene Netz betrifft. Für regulierte Umgebungen (Militär, kritische Infrastruktur) bleibt der Betrieb bewusst On-Prem und offline möglich.
„KI ist typischerweise: Müll rein, Müll raus. Deshalb ist Datenqualität ultrawichtig."Olli Herterich, Solution Architect, Dragos
Der zweite Hebel ist die IT/OT-Integration: OT-Monitoring wird mit Netzwerk-Enforcement gekoppelt. Im Vortrag geschieht das über die Integration von Dragos mit Fortinet (u. a. FortiGate, FortiManager, FortiSOAR, FortiAnalyzer, FortiSIEM). So lassen sich Assets abgleichen und auf Basis von Regeln automatische oder halbautomatische Policies auslösen: Der Analyst muss die Regel nicht mehr manuell bauen, sondern nur noch freigeben. Das bringt Geschwindigkeit, ohne die Kontrolle abzugeben.
Der häufigste Fehler ist, mit Produkten zu beginnen. Der empfohlene erste Schritt ist Risikomanagement, idealerweise mit einem Partner zusammen. Kern ist der „Risikoappetit": Das Unternehmen legt fest, wie viel Risiko es tragen will. Denn mehr Security ist nicht automatisch besser. Falsch gesetzte Sicherheitsmaßnahmen können selbst zum Störfaktor für die Produktion werden. Der klassische Ablauf:
In der Praxis fehlt häufig noch die Trennung: Die Perimeter-Firewall wird genutzt, ein VLAN mit „OT" beschriftet und der Produktion überlassen. Besser ist eine echte Trennung mit einer DMZ. Der Clou bei der Datenlogik: Statt die IT in die OT greifen zu lassen, stellt die OT ihre Daten in einem gelagerten System bereit, aus dem sich IT/Business bedienen (z. B. für Einkauf, Logistik oder Predictive Maintenance). Auch die Fernwartung, die oft ein Wildwuchs aus vielen VPN-Servern ist, gehört in einen geschützten Bereich. Dabei ist Zusammenarbeit nötig:
„IT und OT sind nicht immer ganz so grün miteinander, müssen aber irgendwo zusammen an den Themen arbeiten."Roland Renner, Business Development, Fortinet
Der teuerste Fehler ist ein flaches Netz, in dem die Produktionszellen frei miteinander kommunizieren. Dringt ein Angreifer in eine Zelle ein, versucht er sich seitwärts auszubreiten. Das ist der Super-Gau, der regelmäßig in der Presse steht. Als Beispiel nennt der Vortrag den mehrwöchigen Produktionsausfall bei Jaguar (Land Rover) Ende 2025. Die Gegenmaßnahme ist (Mikro-)Segmentierung: Jede Zelle wird isoliert, sodass im schlimmsten Fall nur ein Prozess stoppt, nicht die ganze Produktion.
Je tiefer man in die OT kommt, desto schwieriger wird Security. Hier setzen mehrere praktische Bausteine an (im Vortrag am Fortinet-Portfolio gezeigt, das Prinzip gilt allgemein):
Vereinfacht deckt Dragos die Detection ab, Fortinet Reaktion, Enforcement und Reporting. Über die Integration (u. a. FortiAnalyzer, FortiSIEM, FortiManager, FortiSOAR, FortiGate) lassen sich Assets abgleichen und auf Basis von Regeln automatische oder halbautomatische Policies auslösen: Der Analyst muss die Regel nicht mehr manuell bauen, sondern nur noch freigeben. FortiSOAR-Playbooks verarbeiten die Dragos-Informationen weiter. Umgekehrt kann Fortinet auch Datenlieferant für Dragos werden: Im Praxisfall einer spanischen Umspannstation (Substation) wird der Kollektor eingespart, indem Switch und FortiGate den relevanten Traffic per VXLAN over IPsec in ein Rechenzentrum spiegeln. Der Betreiber definiert dabei genau, welche Daten übergeben werden.
OT-Sicherheit gelingt nicht durch das Kopieren der IT, sondern durch wenige, konsequent umgesetzte Prioritäten und durch die richtige Reihenfolge: erst Risiko und Sichtbarkeit, dann Architektur, dann Produkte. Die SANS 5 Critical Controls liefern den Rahmen, IT/OT-Trennung und Segmentierung verhindern die laterale Ausbreitung und das Zusammenspiel aus Detection (Dragos) und Enforcement/Reporting (Fortinet) macht Reaktion skalierbar. Der wichtigste erste Schritt bleibt fast immer derselbe: sehen, was im eigenen OT-Netz passiert, die Fernzugänge in den Griff bekommen und mit einem risikobasierten Plan phasenweise vorgehen statt im „Big Bang".
OT-Systeme sind historisch gewachsen, laufen lange und lassen sich oft nicht patchen oder mit Agents versehen. OT-Security setzt daher stärker am Netzwerk an (Monitoring, Segmentierung, Fernzugriffskontrolle) statt am einzelnen Endgerät.
Fünf priorisierte Maßnahmen: Incident-Response-Plan, Defensible Architecture, Visibility & Monitoring, Secure Remote Access und risikobasiertes Schwachstellenmanagement.
Nicht mit Produkten, sondern mit Risikomanagement: Risikoappetit definieren, Assets erfassen, nach IEC 62443 klassifizieren, Bedrohungslage bewerten und dann phasenweise eine risikogetriebene Architektur aufbauen.
Verfügbarkeit und Alter der Anlagen lassen Patches häufig nicht zu. Stattdessen mitigiert man risikobasiert: nicht benötigte Ports/Dienste abschalten, Zugriffe begrenzen und Schwachstellen nach Now/Next/Never priorisieren.
Fernwartung gehört zertifiziert, kontrolliert und auf das Nötigste beschränkt. Consumer-Tools (z. B. Consumer-TeamViewer) haben in der OT nichts zu suchen. Sie sind ein bevorzugtes Einfallstor.
Sie liefert bewertete Informationen zu aktuellen OT-Angriffen und Hersteller-Schwachstellen inkl. Mitigationen. So lässt sich prüfen, ob eine laufende Kampagne die eigene Umgebung betrifft.
OT-Monitoring (Dragos) wird mit Netzwerk-Enforcement (Fortinet) gekoppelt: Assets werden abgeglichen und Regeln (halb-)automatisch ausgelöst. Der Analyst gibt nur noch frei.
Rainer Bäder
Senior Buisness Development Manager
Orange Cyberdefense
Rainer Bäder ist CISO und Senior Business Development Manager bei Orange Cyberdefense Germany und verfügt über langjährige Erfahrung in der Cyber- und OT-Security. Sein Schwerpunkt liegt auf der Absicherung industrieller Anlagen und kritischer Infrastrukturen, insbesondere nach Standards wie ISA/IEC 62443. Durch seine tiefgehende Expertise in Vulnerability- und Risk-Management, ISMS (ISO 27001), SIEM, SOC-Architekturen sowie Network- und Cloud-Security unterstützt er Unternehmen dabei, robuste Sicherheitsstrategien für Operational Technology zu entwickeln und umzusetzen. In seiner Rolle verbindet er technisches Know-how mit strategischem Business Development und gilt als anerkannter Experte für OT-Security und ganzheitliche Sicherheitsarchitekturen.