

Günther Kriele
Commercial AI Generalist
Lesezeit: ca. 10 Minuten
Wenn von Agentic AI die Rede ist, klingt das oft nach Zukunftsmusik. Doch wer nach konkreten Erfolgszahlen sucht, wird erstaunlich wenig finden. Das liegt meistens nicht daran, dass die Technologie keinen Nutzen bringt, sondern daran, dass viele Unternehmen vor dem Start keine Messungen vornehmen – die sogenannte Baseline fehlt. Der Nutzen entsteht nicht von allein, sondern durch die Art und Weise, wie man die Technologie einführt: klein anfangen, klare Grenzen setzen und ehrlich messen. Dieser Beitrag erklärt, welche Effekte realistisch zu erwarten sind, bei welchen Anwendungsfällen viele Organisationen starten und worauf man beim Einstieg achten sollte.
Dieser Artikel richtet sich an Organisationen, die Agentic AI noch nicht produktiv im SOC oder in Security Operations einsetzen, aber den Einstieg prüfen. Er hilft besonders dann, wenn intern unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen: Management fragt nach Effizienz und Business Case, Security-Teams nach Entlastung und Fehlerrisiko, Datenschutz und Compliance nach Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit.
Der Mehrwert liegt in der Einordnung: Wo bringt Agentic AI kurzfristig Nutzen, welche Voraussetzungen müssen vorhanden sein und welche Entscheidungen sollten vor einem Pilotprojekt fallen?
Der praktische Unterschied von Agentic AI liegt darin, dass ein KI-Agent ein Ziel verfolgt, Zwischenschritte plant, verschiedene Tools nutzt und die Ergebnisse dokumentiert. Dabei bleibt das Ziel stets dasselbe: den Fall zu klären.
Aktuell bearbeiten Sie den Fall manuell. Sie ziehen den Alert aus der Konsole, prüfen den Absender, fragen Bedrohungsdaten ab, schreiben dem Fachbereich, warten auf eine Antwort und übertragen das Ergebnis ins Ticket. Agentic AI ändert an diesem Ziel nichts – es bleibt die Lösung, den Fall zu klären. Es übernimmt jedoch die Arbeitsschritte dazwischen. Innerhalb vorher festgelegter Grenzen verfolgt der KI-Agent das Ziel, das ein Mensch definiert hat, und führt die notwendigen Zwischenschritte aus.
Der eigentliche Nutzen verschiebt sich dadurch von „schneller schreiben“ zu „schneller entscheiden“. Agentic AI reduziert nicht nur einzelne Klicks, sondern hilft, wiederkehrende Entscheidungswege zu strukturieren. Das ist der entscheidende Hebel für Unternehmen: eine konsistentere Triage, kürzere Wartezeiten, bessere Dokumentation und weniger Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben für die Analyst:innen.
Was Agentic AI von generativer KI und klassischer Automatisierung unterscheidet, finden Sie in unserem Artikel Was ist Agentic AI? Einfach erklärt & mit Beispielen.
Effizienz entsteht vor allem dort, wo Aufgaben wiederkehrend, datenreich und regelgeleitet sind, aber dennoch menschliche Aufmerksamkeit binden. Beispiele sind Phishing-Triage, verdächtige Logins, Alert-Anreicherung, einfache Reportings oder das Zusammenführen von Telemetrie aus EDR, SIEM, Cloud und Identitätsplattformen.
Geeignet für Agentic AI | Weniger geeignet für den Einstieg |
Hohe Fallzahlen, ähnliche Abläufe, klare Eskalationslogik | Einmalige Sonderfälle ohne wiederkehrendes Muster |
Viele Datenquellen, die regelmäßig manuell abgefragt werden | Unklare Datenqualität ohne nachvollziehbare Quelle |
Entscheidungsvorbereitung mit Human-in-the-Loop | Autonome Eingriffe in kritische Systeme ohne Freigabe |
Messbare KPIs wie Bearbeitungszeit, False Positives, MTTD/MTTR | Use Cases ohne Baseline und ohne fachlichen Owner |
Ein schlechter Prozess wird durch Agentic AI nicht automatisch zu einem guten Prozess. Wer vor der Automatisierung weder Baseline noch Verantwortlichkeit oder Eskalationsweg kennt, automatisiert im Zweifel vor allem Unklarheit.
Der wirtschaftliche Nutzen von Agentic AI sollte nicht über generische Marktzahlen belegt werden, sondern über eigene Baselines: Bearbeitungszeit pro Case, MTTD, MTTR, False-Positive-Rate, manuelle Analystenstunden und Qualität der Dokumentation. Genau hier liegt der praktische Einstieg: erst messen, dann skalieren.
Die wichtigste Entlastung ist nicht, dass Menschen weniger arbeiten. Sie besteht darin, dass Analyst:innen weniger Zeit mit Kontextsuche, Copy-and-Paste, Tool-Wechseln und Standarddokumentation verlieren. Ein gut gestalteter Agent nimmt repetitive Vorarbeit ab und übergibt an den Menschen, wenn Bewertung, Priorisierung oder Risikoabwägung gefragt sind.
"Agentic AI wird nicht dadurch wertvoll, dass sie möglichst viel autonom erledigt. Sie wird wertvoll, wenn sie Geschwindigkeit dort erhöht, wo Muster klar sind und bewusst bremst, wo menschliches Urteil über Geschäftsrisiko, Verhältnismäßigkeit und Verantwortung entscheidet." Markus Neumaier, Head of Security Operations Central Europe, Orange Cyberdefense Germany
Dies verdeutlicht eine zentrale Erkenntnis: Automatisierung sollte dort eingesetzt werden, wo sie den Ablauf beschleunigt, aber an den entscheidenden Stellen die menschliche Einschätzung und Verantwortung nicht ersetzt, sondern unterstützt. Es ist wichtig, im Vorfeld genau zu überlegen, welche Aufgaben automatisiert werden können und wo menschliches Urteilsvermögen unabdingbar bleibt. Nur so entsteht ein sinnvolles Zusammenspiel zwischen Maschine und Mensch, das den größtmöglichen Nutzen bringt.
Wenn interne SOC-Kapazitäten knapp sind, stabilisieren zusätzliche Analyst:innen-Kapazität den Einstieg und sichern die Bewertung der Agentic-AI-Ergebnisse ab: Analyst as a Service.
Für den Einstieg eignen sich Use Cases mit hohem Volumen, geringer Kritikalität bei Fehlern und klarer Messbarkeit. Diese drei Kriterien verhindern, dass ein Pilot technisch beeindruckend, aber organisatorisch wertlos wird.
Pilot-Use-Case | Mehrwert | Erste KPI | Guardrail |
Phishing-Triage | Schnellere Bewertung verdächtiger E-Mails, weniger manuelle Recherche | Bearbeitungszeit pro Meldung; Anteil korrekt klassifizierter Fälle | Keine automatische Löschung ohne Review in der Pilotphase |
Verdächtige Logins | Schnellere Kontextprüfung über Identity, Geo, Device und MFA | Zeit bis zur Erstbewertung; False-Positive-Rate | Automatische Sperrung nur bei eindeutig definierten Kriterien; bei kritischen Identitäten oder unklarer Evidenz nur nach Freigabe |
Security-Reporting | Weniger manuelle Konsolidierung für Wochen-/Managementreports | Stundenaufwand pro Report; Nachbearbeitungsquote | Quellen und Annahmen müssen sichtbar bleiben |
Alert-Anreicherung | Lückenlose, nachvollziehbare Vorarbeit für Tier-1/Tier-2 | Anteil vollständig angereicherter Alerts | Beweise, Modellversion und Entscheidungspfad protokollieren |
Eine wichtige Leitlinie (Guardrail) gilt für jeden Anwendungsfall: Beweise, Modellversionen und Entscheidungspfad werden stets dokumentiert – das sogenannte Evidence Contract. Das bedeutet: Spätestens, wenn ein Auditor sechs Monate später nach dem Grund für eine Entscheidung fragt, ist alles nachvollziehbar belegt. In der Praxis ist oft nicht das Modell der Engpass, sondern vielmehr die Frage, welche Daten ein Agent sehen darf, welche Werkzeuge er nutzen kann und ab wann eine Empfehlung in eine konkrete Aktion umgesetzt werden darf.
Ein Beispiel: Ein Agent erkennt in Sekunden, dass sich jemand aus einem ungewöhnlichen Land anmeldet. Die nächste, schwierigere Frage lautet: Darf er deshalb das Konto sperren? Für einen normalen Nutzer mag die Antwort anders ausfallen als für einen Administrator eines Produktionssystems. Hier wird aus Automatisierung eine Frage von Risiko und Verantwortung.
Realistisch ist ein abgegrenzter Pilot über wenige Monate, der vorhandene Tools nutzt und sich auf einen klaren Use Case konzentriert. Der Return entsteht selten nur über Lizenzkosten. Relevanter sind eingesparte Analyst:innenstunden, schnellere Reaktionszeiten, weniger False Positives, bessere Dokumentation und vermiedene Eskalationen.
Kostenblock | Worauf achten? |
Technologie und Lizenzen | Nicht nur Plattformkosten betrachten, sondern Integrationen in EDR/XDR, SIEM, ITSM und Identity einbeziehen. |
Integration und Datenqualität | Datenquellen müssen nicht perfekt sein, aber zuverlässig, verständlich und rechtlich nutzbar. |
Betrieb und Governance | AI-Owner, Security-Lead, Datenschutz und Fachbereich brauchen Zeitbudget und Entscheidungsrechte. |
Messung und Reporting | Baseline vor dem Start definieren, sonst bleibt der Nutzen gefühlt statt belegbar. |
Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Bei 1.000 Alerts pro Monat und einer Einsparung von vier Minuten pro Alert ergeben sich rund 67 Analyst:innenstunden monatlich. Ob sich diese Einsparung im eigenen Security Operations Center (SOC) tatsächlich bemerkbar macht, hängt jedoch von der jeweiligen Ausgangssituation ab.
Wenn MDR als Betriebsmodell geprüft wird, hilft der MDR Buyer’s Guide bei Leistungsumfang, Reaktionsmodell und Auswahlkriterien. Der Artikel ROI von Agentic AI gibt weitere Einblicke in die Kosten- und Nutzenaspekte.
Der nächste Reifegrad entsteht, wenn der Pilot in definierte SOC-Workflows, Playbooks und Governance überführt wird. Weiterlesen:Agentic AI operationalisieren: schneller erkennen & reagieren.
Wer ein agentisches System zum ersten Mal in einen realen Prozess integriert, sollte nicht erwarten, dass es sofort liefert. In den ersten Wochen korrigieren Analyst:innen häufig mehr, als der Agent ihnen abnimmt. Das ist kein Scheitern, dort beginnt die eigentliche Arbeit: Parallelbetrieb neben dem bestehenden Prozess, strukturiertes Feedback, bessere Eingangsdaten, nachgeschärfte Guardrails. Jeder ausgemerzte Fehler ist ein Schritt nach vorn; so wächst der Wirkungsgrad über Wochen, nicht über Nacht. Das Muster ist nicht neu: Auch DeepMinds Durchbrüche wie AlphaGo und AlphaFold begannen mit schwachen Ergebnissen und wurden erst durch beharrliches Weitertrainieren stark. Wer das vorher weiß, wählt seine Anwendungsfälle anders. Nämlich nur solche, bei denen sich das Durchhalten lohnt. Wer es nicht weiß, startet alle drei Monate einen neuen Piloten und kommt nie zu einer Lösung, die trägt.
Orange Cyberdefense verbindet mehr als 25 Jahre Cybersecurity-Erfahrung mit Security Operations rund um die Uhr, an jedem Tag des Jahres. Weltweit arbeiten über 3.000 Expert:innen, darunter mehr als 250 Fachleute in Research und Analyse, daran, Unternehmen über den gesamten Lebenszyklus einer Bedrohung hinweg zu schützen. Die Plattformen zur Bedrohungserkennung verarbeiten täglich rund 50 Milliarden Protokolle und Ereignisse. Diese operative Breite zählt, wenn Agentic AI nicht als isoliertes Werkzeug, sondern als Teil belastbarer Security Operations bewertet wird. In „The Forrester Wave™: Managed Detection And Response Services In Europe, Q3 2025" wurde Orange Cyberdefense zudem als „Strong Performer" eingestuft. Für Agentic AI ist diese operative Erfahrung entscheidend: Ein Agent ist nur so gut wie die Telemetrie, die Prozesse, die Eskalationswege und die Sicherheitsgrenzen, in die er eingebettet wird.
Agentic AI liefert dann echten Mehrwert, wenn sie nicht als Technologie-Experiment startet, sondern als klar begrenzter Verbesserungsprozess. Der erste Pilot sollte zeigen, ob ein wiederkehrender Security-Prozess schneller, lückenloser und besser dokumentiert abläuft. Gelingt das, entsteht Vertrauen bei Analyst:innen, Management, Datenschutz und Audit. Erst dann lohnt sich die Skalierung auf weitere Anwendungsfälle.
Eine sicherere digitale Gesellschaft entsteht nicht durch weniger Automatisierung sondern durch die bewusste Entscheidung, was wir automatisieren, unter welchen Bedingungen und mit welchen Grenzen.
Sie möchten einen ersten Agentic-AI-Use-Case identifizieren? Orange Cyberdefense unterstützt bei Standortbestimmung, Pilotdesign, Datenquellen-Auswahl, Governance und Messkonzept.Jetzt kontaktieren.
Der wichtigste Vorteil liegt in schnellerer, lückenloser Vorarbeit bei wiederkehrenden Aufgaben. In Security Operations betrifft das vor allem Triage, Alert-Anreicherung, Kontextsuche, einfache Reports und Entscheidungsvorbereitung. Unternehmen gewinnen Zeit, reduzieren manuelle Fehler und schaffen Entlastung, ohne sofort kritische Entscheidungen vollständig zu automatisieren.
Effizienz entsteht bei Aufgaben mit hohem Volumen und klarer Struktur: Phishing-Meldungen, verdächtige Logins, Standard-Alerts, Reporting und Datenkonsolidierung. Messbar wird der Effekt über Bearbeitungszeit, False-Positive-Rate, MTTD, MTTR und manuell eingesparte Stunden gegenüber einer Baseline.
Agentic AI reduziert Kontextwechsel und repetitive Recherchearbeit. Analyst:innen bekommen Fälle mit Beweisen, Hypothesen und Handlungsvorschlägen vorbereitet. Die fachliche Entscheidung bleibt dort beim Menschen, wo Geschäftsrisiko, Kritikalität oder regulatorische Verantwortung eine Rolle spielen.
Schnellen Return liefern Use Cases mit hoher Fallzahl und geringem Risiko: Phishing-Triage, Alert-Anreicherung, verdächtige Login-Prüfung oder Managementreporting. Wichtig ist, den Nutzen nicht zu schätzen, sondern vor und nach dem Pilot anhand definierter KPIs zu messen.
Die Kosten hängen von Datenquellen, Toollandschaft, Integrationsaufwand und Governance-Anforderungen ab. Für den Einstieg ist meist ein abgegrenzter Pilot sinnvoller als eine große Plattformentscheidung. Entscheidend ist, Technologie-, Integrations-, Betriebs- und Messaufwand gemeinsam zu betrachten.
Starten Sie mit einem konkreten Problem, messen Sie den Ist-Zustand, wählen Sie einen risikoarmen Use Case, definieren Sie Human-in-the-Loop-Grenzen und prüfen Sie die Ergebnisse nach 4, 8 und 12 Wochen. Erst danach sollte skaliert werden.

Günther Kriele
Commercial AI Generalist
Orange Cyberdefense
Günther Kriele ist Commercial AI Generalist bei Orange Cyberdefense Deutschland. Er beschäftigt sich mit dem praktischen und sicheren KI-Einsatz in der Cybersecurity – von Agentic AI über LLM-Evaluierung und -Integration bis zur Ende-zu-Ende-Automatisierung von Geschäftsprozessen.